Kultur : Sein Dresden

Günter Blobel bei der Pour-le-Mérite-Tagung

Elisabeth Binder

Um von Hölderlins Hyperion bis in die Abgründe der sächsischen FDP zu springen, muss man tief Luft holen. Für einen Nobelpreisträger ist das glücklicherweise kein Problem. Eher schon störte sich Günter Blobel an der Zeitbegrenzung. Nur 15 Minuten sollte er reden bei einem Mittagessen, das Kulturstaatsminister Bernd Neumann aus Anlass der Jahrestagung des Ordens Pour le Mérite in Berlin gab. Viel zu wenig war das angesichts der großen Leidenschaft, die der Herzensdresdner für das Thema „Waldschlösschenbrücke“ empfindet. Zu erklären wäre diese Passion vielleicht damit, dass der gebürtige Schlesier achtjährig 1945 nach Sachsen floh, wo er Dresden wenige Tage vor der Zerstörung noch in alter Pracht sah.

Zwar ist der Professor an der New Yorker Rockefeller University schon lange amerikanischer Staatsbürger, dennoch gab er fast das ganze Nobelpreisgeld von 1999 (1,6 Mio. DM) für den Wiederaufbau der Frauenkirche. Trotzdem war die Themenwahl für viele Mitglieder des Ordens, denen auf den Einladungen das Thema „Kulturpolitik in Deutschland – von außen gesehen“ angekündigt war, eine Überraschung.

Im Grunde hielt sich der Molekularbiologe aber ganz eng an das Thema, indem er zunächst das liebliche Elbtal beschrieb, jene „elysiumähnliche Oase der Ruhe“, die so viele Dichter entflammt hat. Früh schon ließ er die Bedrohung dieser „herrlichen Elblandschaft“ in Gestalt der geplanten und schon genehmigten und vor Gericht heftig verteidigten Waldschlösschenbrücke wie einen Peitschenhieb ins Auditorium knallen: Diese hässliche Brücke mit der Optik einer Panzersperre, die das von der Unesco im Jahr 2004 bei einer Tagung in China zum Weltkulturerbe erkorene Elbtal, einfach kaputt machen würde! Was NS-Diktatur und DDR nicht vermochten, schafft ein Stadtrat im wiedervereinigten Deutschland!

Blobel ersparte seinen Zuhörern nichts, auch nicht die Äußerung eines regionalen Würdenträgers, der vorschlägt, die Stadt könne den Titel doch auf jeden Fall weiterführen, da solle erst mal die Unesco auf Unterlassung klagen. Und ja, die FDP habe ihn selbst einen vaterlandslosen Gesellen und Petzer genannt, weil er sich in dieser Sache persönlich an die Unesco gewandt habe, berichtete der Nobelpreisträger. Die CDU habe die Brückengegner als „totalitäre Eliten“ beschimpft. Inzwischen liegt die Angelegenheit beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das in wenigen Tagen entscheidet.

Nach Entenbrust und Rehrücken trat der Gastgeber ans Mikrofon. Bernd Neumann (CDU) nützte seine Grundsatzrede über Segnungen und Herausforderungen des Föderalismus speziell für die Kultur, um zu unterstreichen, wie wichtig das Amt eines Staatsministers für Kultur sei, weil es so doch wenigstens eine Instanz gibt, die das Große und das Ganze im Blick hat. Zum Bespiel auch das Ansehen Deutschlands in der Welt. Und dass er durchaus vorhabe, sein Amt in diesem Sinne zu nützen, denn: „Sie haben den Finger in eine offene Wunde gelegt. Ich teile Ihr Bedauern und verstehe Ihre Empörung.“ Elisabeth Binder

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