• Sein figuratives Spätwerk gibt Rätsel auf. Jetzt entschlüsselt die Kunsthalle Bielefeld die Vielfalt seiner Stile

Kultur : Sein figuratives Spätwerk gibt Rätsel auf. Jetzt entschlüsselt die Kunsthalle Bielefeld die Vielfalt seiner Stile

Bernhard Schulz

Kasimir Malewitsch gibt der Kunstwissenschaft seit längerem erhebliche Rätsel auf. Der in früheren Jahrzehnten im Westen als radikaler Erneuerer der Kunst gefeierte Russe ist spätestens seit der ersten umfassenden, auf den bis dahin unzugänglichen Bestand in (damals noch) sowjetischen Museen gegründeten Retrospektive von 1988/89 in Leningrad, Moskau und Amsterdam ins Zwielicht geraten. Das eifrig polierte Bild des Begründers des "Suprematismus" als der russischen Variante der Abstraktion, der in der anbrechenden Stalinzeit Repressionen ausgesetzt war und 1935 starb, bekam Flecken. Merkwürdige gegenständliche Bilder aus den letzten Lebensjahren waren mit einem Mal zu sehen, ebenso wie Alltagsszenen in impressionistischer Manier offenbar aus der Frühzeit des Künstlers.

Beides passte nicht ins strenge suprematistische µuvre, an dessen Spitze das "Schwarze Quadrat" als Ikone thronte. Mit dem "Schwarzen" und später dem "Weißen Quadrat" war Malewitsch seit 1914/15 an eine unübersteigbare Grenze der Malerei vorgestoßen. Was blieb ihm danach ?

Es war bekannt, dass Malewitsch sich wiederholte; einerlei, ob nun ursprüngliche Werke nicht zur Verfügung standen oder gänzlich verloren gegangen waren. Die Verhältnisse im jungen Sowjetrussland waren chaotisch genug. So malte er für die Biennale von Venedig 1924 erneut ein "Schwarzes Quadrat" nah dem Vorbild von 1915. 1927 erlebte Malewitsch den Höhepunkt seiner Anerkennung - im Westen, in Berlin, wo er siebzig suprematistische Bilder zeigen konnte. Überstürzt musste der Künstler in die Sowjetunion zurückkehren - die Gründe liegen bis heute im Dunkeln, dürften wohl aber in der zunehmend verdüsterten politischen Lage zu suchen sein, die im Jahr zuvor bereits zur Absetzung als Direktor des Leningrader "Instituts für künstlerische Kultur" geführt hatte.

Die siebzig Bilder blieben in Berlin - und bildeten nach dem Zweiten Weltkrieg die Basis für den Weltruhm des Künstlers. Früh- und Spätwerk, nach Malewitschs Tod dem Russischen Museum in Leningrad anvertraut, blieben im Depot. Erst die Retrospektive von 1988/89 zeigte dem westlichen Publikum die ganze Breite des µuvres.

Jetzt ist erneut eine Ausstellung zu sehen, die mit diesen "unpassenden" Bildern konfrontiert. Thomas Kellein, Direktor der Kunsthalle Bielefeld, hat sie aus dem Nachlass im Russischen Museum unter dem Titel "Kasimir Malewitsch. Das Spätwerk" zusammengestellt. Sie zeigt unter anderem Arbeiten, die seit 1988 dem bis dato unbekannten Frühwerk zugerechnet werden.

"Wurden", muss es jetzt wohl endgültig heißen. Kellein legt ausführlich dar, was bereits der ausgewiesene Sowjetkunstexperte Hans-Peter Riese in seiner konzisen Malewitsch-Biografie von 1999 skizziert hatte: Dass die grosso modo impressionistischen Szenen vermeintlich aus Paris Erzeugnisse der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre sind - gemalt, um eine künstlerische Biografie zu konstruieren, die Malewitsch nicht besaß. Er sei 1904 nach Moskau gekommen, so der Künstler 1933: "Ich kam als ein Impressionist, der an Ausstellungen teilgenommen hatte." Für eine Moskauer Ausstellung von 1929 musste Malewitsch, der seine Hauptwerke in Vorahnung kommender Repressionen in Berlin gelassen hatte, ein "vollständiges" µuvre vorweisen, und ebenso 1932 für seine letzte Ausstellung zu Lebzeiten (und auf Jahrzehnte hinaus) im Rahmen der 15-Jahr-Feier der Revolution.

Zu dieser Zeit - nach 1930 - schuf Malewitsch Porträts, die gemeinhin als bestürzende Annäherungen an den seit 1932 zur Staatsdoktrin erhobenen "Sozialistischen Realismus" gelten. Nicht einmal ein "Bildnis eines Stoßarbeiters" fehlt, ein konventionelles Akademiestück. Die danach entstandenen Porträts von Frau, Tochter, Freund sowie einer "Arbeiterin" hingegen lassen sich nicht so einfach auf die stalinistische Doktrin zurückführen. Zu deutlich, ja bildbeherrschend sind Elemente einer ungegenständlichen Form- und Farbgebung, die die dargestellten Personen gewissermaßen zurückholen in die Welt des Suprematismus.

Auch davon sind zwei in Bielefeld zu sehen, verwirrenderweise datiert auf 1928/29. Und auch die halb-abstrakten Bilder gesichtsloser Bauern oder das überhaupt größte Gemälde Malewitschs, die "Sportler", stammen aus diesen Jahren zwischen der Zwangsschließung von Malewitschs Leningrader Institut und der Kanonisierung des Realismus 1932. Die suprematistische Farbgebung - aus den Primärfarben, aus Schwarz und Weiß sowie Grün und Rosa - und die fehlende Raumtiefe gehen mit den Figuren eine eigentümliche Liaison ein. Die "Komplizierte Vorahnung" - eine gelbe Figur vor abstraktem roten Haus - muss wohl dem Bildtitel gemäß verstanden werden.

Damit ist das Rätsel von Malewitschs Spätwerk gleichwohl nicht gelöst. Warum der Künstler gleichzeitig in den verschiedensten Stilen arbeitete, ebenso eigene Schöpfungen wiederverwandte wie fremde nachahmte, erklärt der Hinweis auf die Zeitumstände nicht. Am Schluss malte sich Malewitsch - sein Selbstbildnis von 1933 fehlt leider in Bielefeld - als Renaissancekünstler, der ganz selbstverständlich sein suprematistisches Repertoire mitbenutzt. Gleichzeitig gegenständlich und gegenstandslos zu malen, die unter Stalin lebensbedrohlich gezogenen Grenzen souverän überspielend - so zeigt sich Malewitsch in seinem Spätwerk.

Die Irritation wird nach der überzeugenden Bielefelder Ausstellung nicht geringer werden. Schon wird die Behauptung, das gesamte Frühwerk sei eine nachträgliche Fiktion, von kundiger Seite wieder in Zeifel gezogen. Hat Malewitsch womöglich zeitlebens in vorausweisenden und rückwärtsgewandten Stilformen zugleich gearbeitet ?Kunsthalle Bielefeld, Arthur-Ladebeck-Straße 5, bis 21. Mai. Katalog 20 Mark. - Hans-Peter Riese, Kasimir Malewitsch. Rowohlts Monographien 50465, Reinbek 1999, 12,90 Mark.

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