Kultur : Sein in der Ewigkeit

CLAUDIA SINNIG

Der Dichter und Maler Julijonas Algirdas Stankevicius ist, wie man so sagt, nicht von dieser Welt.In Litauen spricht man von ihm selten, etwas traurig und meist in der Vergangenheitsform.Fast so, als sei er schon gestorben.Man nennt ihn zärtlich "Stankus" oder "Julijonas", als sei der Allerweltsname Stankevicius (so häufig wie bei uns etwa Schneider) nicht gut genug.Der Künstler lebt und arbeitet seit 1975 in einer sogenannten "psychoneurologischen Anstalt".

Seine Bilder aber befinden sich seit Jahrzehnten in litauischen Privatsammlungen, seit der Wende auch in England und Schottland, sowie im litauischen Nationalmuseum.Nicholas Garland, Karikaturist und Kritiker des britischen "Independent", ist nicht der einzige, den Leben und Arbeit des Julijonas stark an Van Gogh erinnern.1995 fand eine große, dem Künstler gewidmete Retrospektive im Vilniuser Zentrum für Gegenwartskunst statt.Die erste Schau seiner Arbeiten im Ausland läuft jetzt in der Berliner Giedre Bartelt Galerie.

In der Biografie des Malers werden gewöhnlich Anhaltspunkte für seinen völligen Rückzug, den er einmal als "Sein in der Ewigkeit" bezeichnet hat, hervorgehoben: 1933 geboren, erlebte er 1945 Enteignung und Zerstörung des elterlichen Gehöfts und die Verhaftung seines Bruders, der 1948 nach einem Selbstmordversuch im Gefängnis von Sverdlovsk starb.Ein Studium an der Vilniuser Kunsthochschule im Fachbereich Textilkunst brach Stankevicius 1959 nach mehreren vergeblichen Versuchen, in die Klasse für freie Malerei zu wechseln, ab und kehrte zu seinen Eltern aufs Land zurück.Seit ihrem Tod lebt er in der Anstalt.

Seine Ölbilder stammen aus der Zeit davor.Leidenschaftliche Expressivität steht über korrekter Abbildung, Perspektive und Größenverhältnisse wirken manipuliert.Der Vergleich mit Van Gogh erscheint berechtigt, aber doch zu eng.Sein Schaffen erinnert auch an Gauguin, Cézanne und Bonnard.Einige Ölbilder haben durch ihre unverwechselbar sowjetische Couleur und die Motive (Karl Marx, Rotarmisten, Kolchosbauern, ein Stilleben mit Papirossi) sogar Ähnlichkeit mit Arbeiten Ilja Kabakovs.Andere erscheinen durch surrealistische Sujets, leuchtende Kontraste und ihre großflächige, "primitivistische" Ausführung rätselhaft wie Träume.

Wenige Motive präsentieren sich in immer neuen Ausführungen.Für die Filzstiftbilder ist ein In-, Neben- oder Übereinander von Ornament, Symbol, Figur und Landschaft charakteristisch.Geometrische Muster, Sowjetsterne, Hammer und Sichel, kyrillische, lateinische sowie erfundene Buchstaben reihen sich zu Spruchbändern oder Fliesen aneinander, die ein Bild umrahmen, unterbrechen, sogar erstarren lassen können.So erscheint der Rumpf einer Person, der einen Baumstamm überlagert, als vertikales Muster.In den Aquarellen wiederum scheinen sehr unterschiedliche Stimmungen und Stile auf.Porträts mit großen Mündern und starren Augen wirken wie sozialistisch-realistische Masken oder Karikaturen und sind zutiefst traurig.Kein wirres Durcheinander also, sondern unterschiedliche, einander gleichsam auslöschende oder relativierende Elemente eines überschaubaren, aber paradoxen Ganzen.In einem Gedicht von Julijonas heißt es: "Auf den Korridoren des Gedächtnisses des Menschen spazieren / nicht nur Engel.Es gibt auch Gespenster./ Ein Verrückter ist der das nicht Machbare macht./ Der versucht alles zusammenzuzählen."

Weil er merkwürdige Sachen sagte, Raketen konstruierte, den Wald fegte (damit er sauber sei wie in der Dichtung), fast nur - auch nachts und über weite Strecken - zu Fuß ging (wo er einmal im Summen der Telegrafenmaste Churchill mit Stalin sprechen hörte) und sich zeitweise auch für Jesus Christus hielt, galt Stankevicius stets als seltsam.So seltsam eben, wie manch begabter und besessene Künstler.Vermutlich sogar etwas weniger seltsam als das Leben im Sowjetreich, dessen Irrsinn er wie kein anderer ins Bild setzt.

Giedre Bartel Galerie, Wielandstraße 31, bis 27.Februar; Dienstag bis Freitag 14-18.30 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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