Kultur : Sein letzter Blick zurück

Was sich aus dem 20. Jahrhundert lernen lässt: In seinen brillanten Essays hält Tony Judt dem Westen die Vergangenheit vor Augen

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Tony Judt: „Wir haben das politische Denken verlernt.“Foto: dpa Foto: dpa
Tony Judt: „Wir haben das politische Denken verlernt.“Foto: dpaFoto: dpa

Es war sein letztes Buch. Und es ist eines seiner besten. Denn in ihm versammelt der am 6. August verstorbene britische Historiker Tony Judt gleichsam die stärksten seiner zwischen 1994 und 2006 entstandenen Essays. Sein Horizont war stets weit, gespiegelt in den Themen seiner Schriften: von französischen Marxisten bis zur amerikanischen Außenpolitik, von der Globalisierung bis zur heutigen Erinnerungskultur. Durchzogen sind Judts Essays dabei von zwei Dingen, denen sein Interesse galt: zum einen die Bedeutung von Ideen und die Verantwortung der Intellektuellen; zum anderen ging es ihm um den Ort der Geschichte in einem Zeitalter des Vergessens, um die Frage, warum es so schwer fällt, das 20. Jahrhundert zu begreifen und aus seinen Katastrophen zu lernen.

Judt prophezeit, dass die 15 Jahre zwischen dem Fall des Kommunismus und der „verheerenden“ amerikanischen Irakinvasion in den kommenden Dekaden als vergeudete Jahre gelten werden. Allzu selbstgewiss und gedankenlos habe man das vergangene Jahrhundert zu den Akten gelegt und sich enthusiastisch in das neue Jahrtausend gestürzt, angetan von lauter Halbwahrheiten: vom Triumph des Westens, vom Ende der Geschichte, von der singulären Macht Amerikas, dem unaufhaltsamen Vormarsch von Globalisierung und Kapitalismus. In dieser Begeisterung habe man begonnen, das ökonomische, intellektuelle und institutionelle Gepäck des 20. Jahrhunderts wo immer möglich abzuschütteln, und anderen nahe gelegt, dies gleichfalls zu tun. Die Vorstellung, dass nun etwas ganz Neues beginne und aus der Vergangenheit lediglich zu lernen sei, sie nicht zu wiederholen, habe sich auf weit mehr als nur den abgehalfterten Kommunismus und seine ideologischen Vermittlungsinstanzen bezogen.

Dabei zeigt sich Judt zwar nicht erstaunt, dass man nicht aus der Vergangenheit gelernt habe. Aber für bemerkenswert erachtet er um so mehr, dass man scheinbar generell zu der festen Überzeugung gelangt sei, dass die Vergangenheit keine Lehren zu bieten habe: „Wir meinen in einer neuen Welt zu leben, deren Risiken und Chancen beispiellos sind.“ Dem setzt Judt entgegen: Um den Kontext der heutigen Probleme wahrzunehmen, gelte es, einigen der klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts genauer zuzuhören, sich zu erinnern anstatt zu vergessen, Kontinuitäten zu erkennen anstatt bei jeder möglichen Gelegenheit etwas Neues auszurufen.

Was lässt sich also aus der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts für das neue Jahrtausend lernen? Für Judt ist zunächst einmal die gängige Botschaft das Problem: dass all die beispiellosen Katastrophen und das menschliche Leid dieser in vielerlei Hinsicht schlimmen Epoche jetzt hinter uns liege, „dass wir die Geschichte verstanden haben und nun, unbelastet von den Irrtümern der Vergangenheit, voranschreiten können in eine andere, eine bessere Zeit“. Dass ebendiese nicht zwangsläufig kommen muss, verdeutlicht Judt an zwei Charakteristika des 20. Jahrhunderts: dem Krieg und dem Aufstieg und Untergang des Staates. Hier macht er immer noch große Unterschiede in der historischen Wahrnehmung aus: Im Gegensatz zu Kontinentaleuropa und großen Teilen Asiens, für die das vergangene Jahrhundert bis in die 70er Jahre eine Zeit fast ununterbrochener Kriege war, habe Amerika vergessen, was Krieg bedeute. Und das aus einfach nachvollziehbaren Gründen: Im Vergleich zu anderen Kriegsnationen hatten die USA im 20. Jahrhundert relativ geringe Verluste auf dem Schlachtfeld und praktisch keine zivilen Opfer zu beklagen.

Es ist die damit verbundene andere Erinnerung an Krieg und Kriegsfolgen und weniger ein struktureller Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und ansonsten vergleichbaren Ländern, die das unterschiedliche Verhalten auf der internationalen Bühne in Judts Augen begründet. Aus Sicht amerikanischer Publizisten und Politiker laute die Botschaft des letzten Jahrhunderts: Krieg ist sinnvoll. Daher sei er für Amerika nach wie vor eine Option, für den Rest der entwickelten Welt hingegen nur das allerletzte Mittel – mit den bekannten Folgen im Irak und in Afghanistan.

Bei der durch die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise erneut intensiv diskutierten Frage, wie viel Staat einem Land guttut, mahnt Judt, dass der Westen nach 50 Jahren Wohlstand und Sicherheit nicht nur die Traumata von massenhafter Unsicherheit vergessen habe, sondern auch, warum man den Sozialstaat geerbt habe und wie er entstanden sei. Dabei erscheint ihm auffällig, wie sehr die Fähigkeit verloren gegangen sei, Politik jenseits enger ökonomischer Begriffe zu sehen: „Wir haben das politische Denken verlernt“ – für Judt ein paradoxes Erbe des 20. Jahrhunderts.

Nach der Orgie von Gewalt und Unterdrückung zwischen 1914 und 1945 und darüber hinaus sieht der zuletzt als Erich-Maria-Remarque-Professor für Europäische Studien in New York Lehrende das politische Erbe der letzten zweihundert Jahre erschöpft: Die Begriffe „links“ und „rechts“ – von der Französischen Revolution übernommen – beschreiben nicht mehr die politischen Sympathien von Bürgern in demokratischen Gesellschaften. Allumfassenden politischen Entwürfen werde skeptisch begegnet, die großen Erzählungen „Nation“, „Geschichte“ und „Fortschritt“, die das 20. Jahrhundert charakterisierten, seien in Verruf geraten. Daher beschreibe man die kollektiven Bestrebungen mit ausschließlich ökonomischen Begriffen: Wohlstand, Wachstum, Bruttoinlandsprodukt, Effizienz, Produktion, Zinsentwicklung und Börsenkurse – als wären es notwendige und hinreichende Ziele an sich und nicht bloß Instrumente für bestimmte soziale oder politische Zwecke. Doch werden hier von Parteien keine signifikanten Alternativen angeboten, entscheidet die Wirtschaft alles und wird Wirtschaftspolitik weitgehend von staatsfernen Akteuren wie Zentralbanken, internationalen Organisationen oder multinationalen Konzernen gemacht, dann können Demokratien, meint Judt, auf Dauer nicht funktionieren.

Um demokratische Staaten gleichfalls vor Terrorismus zu schützen, bedarf es in seinen Augen erst einmal der Erinnerung, dass diese Gewaltform in unterschiedlichen Ausprägungen seit mehr als 100 Jahren existiert und keinesfalls ein neues Phänomen ist. Vollkommen zu Recht erinnert er daran, dass der Westen Gefahr läuft, seine vielen anderen Herausforderungen zu vernachlässigen, wenn er „Terrorismus“ aus seinem Kontext löst, ihn zur größten Bedrohung für die westliche Zivilisation beziehungsweise die Demokratie oder „unseren Lebensstil“ erhebt und ihn zum Ziel eines zeitlich unbegrenzten Krieges macht. Weniger Dramatik und mehr historisch begründete Gelassenheit dürften hier auf Dauer in der Tat zu einer deutlich gesteigerten Sicherheit führen, wie der Umgang mit politischem Terrorismus nicht zuletzt in Großbritannien und Spanien gelehrt hat.

Spätestens nach der Lektüre von Judts Essaysammlung lässt sich nachvollziehen, warum Bob Silvers, der Herausgeber des „New York Review of Books“, von einer Tragödie sprach, als bekannt wurde, dass Judt an der bislang unheilbaren Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose erkrankt war, an der er nun im Alter von nur 62 Jahren gestorben ist. „Sein Intellekt ist schärfer denn je“, sagte Silvers. Dieses Buch ist dafür der eindrucksvolle Beweis.

Tony Judt: Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen. Carl Hanser Verlag, München 2010. 475 Seiten, 27,90 Euro.

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