Kultur : Sein letztes Wort

Die Philharmoniker und Mehta spielen Bruckner.

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Ein Fremdling ist er im europäischen Musikleben geblieben, unvergleichlich mit anderen Amerikanern, obwohl er in Berlin für eine kleine Weile zu der illustren Schülerschar von Boris Blacher gehörte: der Komponist George Crumb, 1929 in Charleston (West Virginia) geboren. Daher hat es Raritätenwert, dass Zubin Mehta mit den Berliner Philharmonikern an ein Werk von Crumb aus dem Jahr 1970 erinnert, das unter dem Titel „Ancient Voices of Children“ auf Lyrik von Federico Garcia Lorca basiert. „An jedem Nachmittag in Granada stirbt ein Kind“, heißt es in der Poesie aus der andalusischen Heimat des Dichters, und die Komposition begegnet ihr mit einer Frauen- und einer Knabenstimme, Oboe, Harfe präpariertem Klavier, Mandoline, einem Spielzeugklavier, Pauke und Schlagzeug.

Marlis Petersen ist die Virtuosin des Soprangesangs und anderer Verlautungen, Super-Lulu und Super-Zerbinetta, der ein munterer Junge aus dem Staats- und Domchor an Präsenz kaum nachsteht. Solooboist Albrecht Meyer führt das Instrumentarium an, während Katharina Hanstedt (Harfe) und Majella Stockhausen (elektrisches Klavier) dafür einstehen, dass es um Avantgarde geht. Es sind die Klangexperimente der Zeit, die etwa ein Luciano Berio ins Gültigere transponierte. Der Amerikaner hat keine Scheu vor Gefälligkeit, aber Mut, Routine und Farbsinn.

Es überrascht kaum, dass ein Musiker wie Zubin Mehta mit der Neunten von Anton Bruckner die ersten drei Sätze der unvollendeten Symphonie meint. Das bedeutet, anders als die von Simon Rattle 2012 mit rekonstruiertem Finale aufgeführte Fassung, original letztes Wort (noch einmal am heutigen Sonntag, 20 Uhr). Es ist eine Interpretation von großer Natürlichkeit und Kantabilität, der die Philharmoniker mit sichtlichem Engagement folgen. Nicht nur Meyers seliger Ländler in markigem Scherzo oder Andreas Blaus Flötenpianissimo im Adagio stehen für die Besetzung, sondern auch die acht Hörner, die Brucknerschen Crescendi, die gewaltigen Tutti, die nicht dröhnen, die „sprechenden“ Generalpausen. Mehr Struktur als Misterioso, aber doch der ganze Bruckner in seinem „Abschied vom Leben“. Sybill Mahlke

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