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Kultur : Seine Freunde waren die Träume

23.12.2012 00:00 Uhrvon
Herrscherpracht. Sabin Tambrea lässt sich als junger Ludwig in seiner Theaterloge feiern. Foto: Bavaria Film/Warner Bros. Foto: © Bavaria Film / Warner Bros. /Bild vergrößern
Herrscherpracht. Sabin Tambrea lässt sich als junger Ludwig in seiner Theaterloge feiern. Foto: Bavaria Film/Warner Bros. - Foto: © Bavaria Film / Warner Bros. /

Tragödie in Blau-Weiß: Peter Sehr und Marie Noëlle setzen mit ihrem opulenten „Ludwig II.“-Film dem bayerischen Märchenkönig ein Denkmal.

Wenn ein Film vierzig Jahre alt wird, läuft er dann nicht endlich außer Konkurrenz? Oder kann man noch immer von ihm erschlagen werden? Luchino Viscontis „Ludwig II.“ mit Helmut Berger und Romy Schneider ist von 1972. Die Ähnlichkeit Bergers mit dem einstigen König von Bayern hat etwas beinahe Gespenstisches. Als Ludwig so auszusehen begann wie Helmut Berger heute, hatte er sich längst ganz auf seine Schlösser zurückgezogen. Der Schauspieler aber will sich demnächst ins RTL-Dschungelcamp begeben. Ist der neue „Ludwig II.“-Film von Peter Sehr und Marie Noëlle („Kaspar Hauser“, „Love the Hard Way“) die „Dschungelcamp“-Variante zu Visconti?

Nein, ist er nicht.

So verrückt es scheinen will, gegen Visconti anzutreten, so wird doch gleich in den ersten Szenen offenbar, dass die Regisseure Sehr und Noëlle es gar nicht nötig haben, sich irgendwo anzulehnen. Visconti setzte mit Ludwigs Krönung ein, die beiden aber weit davor. Das kann nicht falsch sein. Ludwig, das ist die gekrönte Wirklichkeitsverweigerung, das ist die Nachtwelt der deutschen Romantik, ausgestattet mit Regierungsgewalt. „Bin ich das Gespenst oder ist es die Welt?“, hat sich Richard Wagner nicht nur einmal gefragt, der Mann, der für Ludwig zum Schicksal wurde. Für den scheuen jungen Monarchen muss jeder Tag wie ein Zwang zur Antwort gewesen sein. Er entschied sich letztlich für die Welt.

Wir haben die Kunst, um nicht am Leben zugrunde zu gehen. Vielleicht darf dieser Satz, unendlich variiert, als das artistische Bekenntnis des 19. Jahrhunderts schlechthin gelten, aber gewann er je so existenzielle Bedeutung wie für den homosexuellen Sohn von Maximilian II.? Anders gefragt: Darf die Präsentation des preußischen Zündnadelgewehrs nicht der Anteilnahme eines Halbwüchsigen sicher sein? Der Berliner Theaterstar Sabin Tambrea spielt den jungen Ludwig mit einer geradezu virtuosen Arroganz, in der Überlegenheit, Verachtung und Schwäche fast ununterscheidbar werden. Er hält dem Vergleich mit Helmut Berger vom ersten Augenblick an stand, zumal sich das Gefährdete seiner Existenz geradezu physisch mitteilt.

Mit einer unendlichen Herablassung blickt er auf das preußische Zündnadelgewehr und seinen strengen Vater (Axel Milberg), er, der schon als Kind Richard Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ gelesen hatte – zur wachsenden Verzweiflung des Königs. „Deine Liebe zur Kunst ist Schwäche“, teilt er ihm noch mit. Und stirbt anschließend, gewissermaßen von heute auf morgen. Ludwig, 18 Jahre alt, ist nun frei und zugleich der Unfreieste von allen. Denn ab sofort wird die Krone ihn zu Boden drücken. Ein Weltamt für den Weltflüchtling!

Sabin Tambrea beim Entwerfen der Thronrede zuzuschauen, ist ein Ereignis. Die Szene enthält bei aller Komik schon die ganze Tragik seines Lebens. Überhaupt, die Komik hat dieser „Ludwig“ wohl seinem Vorgänger voraus. Denn da ist nicht nur die Weltangst, da ist auch der Weltüberschwang der Jugend, und sie liegt schon in der Launigkeit, mit der er – „Vorsicht Palme!“ – die Verwandlung seines Arbeits- und Regierungszimmers in einen tropischen Garten beaufsichtigt. Sie liegt in seinem ersten Befehl, der wirklich von ihm ist: Richard Wagner zu finden. Sie liegt in dem Übermut, mit dem Ludwig II. im Frühjahr 1866 von allen unbemerkt aus München fliehen und sich bei Richard Wagner als Walther von Stolzing melden lassen wird. Ausgerechnet kurz vor Kriegsausbruch, aber was kann er dafür, wenn die Preußen und die Österreicher ihre Waffengänge auf Richard Wagners Geburtstag legen?

Doch diese Szene zeigt der Film gar nicht mehr, wie er das meiste nur andeuten kann und übergehen muss, und einmal mehr wäre zu konstatieren: Nichts ist im Ernstfall märchenhafter, fantastischer, unglaublicher, unwirklicher und witziger als die nackten Tatsachen. Aber wie viele davon passen in einen Film?

Sowohl bei Visconti als auch jetzt bei Sehr und Noëlle tritt Richard Wagner als berechnender Daseinsvirtuose auf, der sein tendenziell unlebbares Leben wohl im Griff hat. Das Gegenteil ist wahr, denn Ludwig rettet Wagner keineswegs nur vor seinen Gläubigern, er rettet einen akuten Selbstmordkandidaten. Ludwig war in Wagners Leben das Wunder, das über den Glauben ging. Nur so ist der Liebesbriefwechsel zwischen Richard Wagner und dem jungen König von Bayern zu erklären, der nach Umfang und Wortwahl wohl fast alles in den Schatten stellt, was Liebende einander gewöhnlich sagen.

Richard Wagner hatte dafür auch eine Rechtfertigung. Er liebte den König, wie man Könige lieben soll: voller Demut. Innig. „Anbetend“, ja, auch das. „Unter Thränen“, ja, auch das. Aber vor allem symbolisch. Könige liebt man symbolisch. Ein symbolischer Raum ist auch ein Verschmelzungsraum. Und wenige waren so begabt für Verschmelzungen wie Richard Wagner und sein König Ludwig. Und die kleinen Übertritte darin, waren sie nicht wie feinste erotische Elixiere? Und wie viele Missverständnisse schlossen sie ein.

Bei Visconti war Trevor Howard Richard Wagner, dessen Ausstrahlung an der Schwelle zum Greisentum davon keine Ahnung aufkommen ließ. Doch war Wagner, als er Ludwig kennenlernte, gerade fünfzig Jahre alt. Jetzt spielt Edgar Selge Wagner. Auch er lässt die ganz unbewehrte Seite des Komponisten kaum ahnen, und doch ist er ein Glücksfall. Der einstige Revolutionär von 1848 betritt das Schloss, trifft auf den neuen bayerischen Ministerpräsidenten – sie standen schon in Dresden auf entgegengesetzten Seiten der Barrikade – und wirft ihm mit halbem Blick über die Schulter den Satz zu, die europäischen Zustände seien doch „reif für den Totalabbruch“.

Richard Wagner nannte seine größten Feinde an Ludwigs Hof nur Pfi und Pfo: Es waren Ludwigs Kabinettssekretär und Ludwigs Ministerpräsident, Franz Seraph von Pfistermeister und Ludwig von der Pfordten. Am Ende waren, wie man weiß, Pfi und Pfo stärker, aber sie vertrieben nicht nur Wagner aus München, sondern auch Ludwig aus sich selbst.

Wohin nun? In die Arme seines Stallmeisters? In die Heirat mit Sissis Schwester Sophie (Paula Beer), die er in seinen Briefen nie mit ihrem Namen ansprach, sondern nur mit Elsa wie in Wagners Oper? Er selbst unterzeichnete jedoch nie als Lohengrin, sondern nur als König Heinrich. Es ist nur eine kleine Szene im Film, die doch fast alles sagt: Ludwig hört den „Lohengrin“, die Oper, die über seiner Jugend stand, und wehrt, derart sich selbst hingegeben, eine kleine Berührung der jungen Frau mit Heftigkeit ab. Was für ein minimalster und doch äußerster Augenblick der Wahrheit.

Ja, Sehr und Noëlle können verdichten, trotzdem wird „Ludwig“ immer mehr zum Ausstattungsstück, geht allmählich unter in den Kulissen wie Ludwig in seinen weltflüchtigen Nachtreichen aus Musik und Stein. Sebastian Schipper spielt den späten Ludwig durchaus eindrucksvoll als traurigen Genius der Daseinsvermeidung, als lebendiges Grabmal seiner selbst. Dennoch: Zum Ende hin, zumal im Vermessen narkotischer Höhlen ist der neue „Ludwig“ seinem Vorgänger längst nicht mehr gewachsen.

„Ludwig II.“ startet am 26. Dezember in den deutschen Kinos.

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