Kultur : Seine Majestät, der Mime

Grandezza und Melancholie: zum 70. Geburtstag des großartigen Schauspielers Walter Schmidinger

Rüdiger Schaper

Eine Traumrolle, endlich: Heute dürfen wir Walter Schmidinger zum Geburtstag gratulieren, in ein paar Tagen spielt er König Popo in Robert Wilsons „Leonce und Lena“-Inszenierung am Berliner Ensemble. Die Majestät scheint Schmidinger auf den Leib geschrieben. Als grantelnd-kapriziöser Komiker, als gebrochener Charakterspieler, als strenger, zugleich hochsensibler Herr oder scheinbar unerschütterlicher Windmühlenkämpfer – er gibt den König, und wär’ sein Reich auch längst untergegangen.

In Linz geboren, fand er – nach dem Reinhardt-Seminar – sein erstes Engagement im Wiener Theater in der Josefstadt. Über Bonn und Düsseldorf kam er an die Münchner Kammerspiele, später ans Residenztheater. Seit 1984 spielt Schmidinger – mit Pausen – auf den Bühnen Berlins. Und hier, in diesen kulturpolitischen Duodezfürstentümern, ist dem Schauspieler eine Rolle zugefallen, die wohl nur er mit dieser einzigartigen Melange von Grandezza und Melancholie auszufüllen weiß: die Rolle des letzten noblen Gastes.

An der Schaubühne spielte er in Peter Steins Regie im „Park“ von Botho Strauß – bald darauf gab Stein die künstlerische Leitung am Lehniner Platz auf. Schmidinger wechselte ans Schiller-Theater und musste 1993 die Schließung miterleben. Am Deutschen Theater geriet er in die lähmenden Endphase der Intendanz Thomas Langhoffs. Thomas Bernhards „Alte Meister“ wurden für ihn gleichwohl zu einem Triumph.

Einen besseren Bernhard-Spieler gibt es kaum. Schmidinger schält und schüttelt all den Ekel, den Schmerz, die Verzweiflung, den infantilen Trotz aus Bernhards Texten heraus in die Welt, dass es schier unerträglich traurig wird – und komisch dazu. In seiner Autobiografie, entstanden in Gesprächen mit Stephan Suschke (Angst vor dem Glück. Alexander Verlag, 240 S., 15 €), spricht Schmidinger von den Wunden, die der Berliner Theaterbetrieb ihm geschlagen hat. Er spricht über den Tod geliebter Menschen und seine psychischen Gefährdungen: „Ich bin kein Verfechter von the show must go on. Ich befinde mich in einer zwielichtigen Situation, bin eine Figur zwischen Dämmerungen. Ich will auch das Recht haben zu sagen: Nein (...) heute geht der Vorhang nicht hoch.“

Das Majestätische ist manchmal einfach das Menschliche. Wenn Schmidinger auftritt, und sei’s als österreichischer Kaiser im „Weißen Rößl“, der legendären Aufführung der Bar jeder Vernunft, wird der kleinste Zungenschlag zum Ereignis. „S’ist einmal im Leben so/Allen geht es ebenso/Und der allerschönste Traum/Bleibt nur Schaum“: Mit diesen Worten und einer unnachahmlich lebensfroh-resignativen Handbewegung rauschte Seine Majestät aus dem Zelt.

Es ist das Paradox dieses Schauspielers, dass man sich an ihn erinnert und an seine verletzliche Aura – mehr als an die Rolle. Operette und Minimalismus, Nestroy, Beckett: Das Disparate findet bei Schmidinger zusammen. „Aber die Gefühle bleiben sich gleich, und werden im Alter noch heftiger, weil sie keine rechte Erwiderung finden; das ist grad’ als wie Einer, der einen Haring isst, und nix z’trinken kriegt“, heißt es in einem Stück von Nestroy, in dessen Stücken Walter Schmidinger immer wieder zu brillieren wusste.

Einen Haring essen und nichts zu trinken kriegen: Das ist oft so im Theater und im Leben. Doch wenn Walter Schmidinger den Haring serviert, bleibt das Auge nicht trocken. „Denn wie immer man diesen Beruf verstehen mag, für mich war es immer ein heiliger Beruf.“ Und wenn einer wie Walter Schmidinger einen solchen Satz sagt, dann ist es keine Phrase. Er ringt sich seine Figuren ab, sie sind so kostbar, weil sie ihn sichtbar viel kosten. Ein Juwel – oder, wenn man so sagen darf, eine kindliche Diva von siebzig Jahren.

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