Kultur : Seinem Ruf gerecht

LASZLO MOLNAR

Bei den Salzburger Festspielen werden sie "Gastorchester" genannt: alle Orchester außer den Wiener Philharmonikern.Jenes Orchester, das an der Salzach seit 1923 regelmäßig im Sommer spielt, genießt hier einen Sonderstatus.In diesem Sommer offensichtlich auch: seit Beginn der Festspiele am 23.August war es nur zweimal mit einem symphonischen Programm zu hören.Bis jetzt hat das Feld den Gastorchestern gehört.Das ist bemerkenswert.Denn Wiens Philharmoniker haben es keinen Sommer versäumt zu betonen, sie seien das wichtigste Orchester der Festspiele (und damit meinten sie: der Welt).

Zu den "Gastorchestern", mit denen die ersten Festspieltage keinesfalls uninteressant oder gar langweilig vergangen sind, gehörte auch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter seinem Chef Vladimir Ashkenazy.Das Publikum bei den zwei Konzerten in der Felsenreitschule und im Großen Festspielhaus mußte sich ein bißchen orientieren: "Nein, das sind nicht die Berliner Philharmoniker", sagte der distinguierte Herr zwei Plätze weiter zu seiner Begleitung.Auch Berlin hat einen bestimmten Ruf.Der enthusiastische Applaus zum Ende beider Konzerte zeigte dann, daß das Deutsche Symphonie-Orchester und Ashkenazy durchaus erfolgreich sind bei der Verteidigung dieses Rufs.

Und dies auch, weil sie das Publikum mit einem sehr individuellen Programm konfrontierten, bei dem man sich nicht einfach in schönster Kultur-Kulinarik zurücklehnen konnte, es auch nicht wollte.

Ein Stück jedoch blieb von dieser Art: Mozarts d-Moll-Klavierkonzert, KV 466, im zweiten Konzert im Festspielhaus.Da erstaunt es doch immer wieder, wie konservativ auch so unternehmungslustige Musiker wie Vladimir Ashkenazy sein können.Wobei man Ashkenazy nie unterstellen wollte, all das, was die Aufführungspraxis gerade für die Musik der Klassik erbracht hat, negieren oder bekämpfen zu wollen.Es ist einfach nicht sein Stil, er ist damit nicht groß geworden.Und so setzt er sich an den Flügel und möchte eigentlich Chopin spielen, aber die Noten, sie sind von Mozart.Es ist schon fast eine Rarität, auch in Salzburg (wo das Kammerorchester "Camerata academica" jetzt unter Roger Norrington Mozart lebhaft gegen den Strich bürstet), ein Mozart-Konzert so schwärmerisch, auch innig zu hören zu bekommen.Durch und durch ein "Piano"-Konzert war das, immer leise, aber zugleich sehr konzentriert, auf Klarheit der Themen bedacht, von einer deutlichen, aufs Versöhnliche gerichteten Klangvorstellung getragen.

Aashkenazy band das Orchester sehr genau in das thematische Geschehen ein, aber letztendlich behielt es doch die angestammte Rolle des Begleiters.Schade, daß in großen Symphonieorchestern immer noch dieses Verständnis vom kompakten "Klangkörpern" vorherrscht.Den müssen sie natürlich mit aller Wucht einsetzen, wenn es an so große Brocken geht wie die vierte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch oder die "Tondichtung" "Pelleas und Melisande" von Arnold Schönberg.Orchester und Dirigent gaben sich betont vielseitig.Ging es am einen Tag, bei Schostakowitsch, um das Ringen mit äußeren Zwängen und inneren Widerständen, wollte am kommenden, Schönberg, ein Gebäude von epischer Phantasie errichtet werden.In beiden Fällen zeigte sich das Orchester in seinem Element und Ashkenazy als ein Dirigent von intensiver Vorstellungskraft und weitsichtiger Disposition.

Dieses Orchester möchte Klangwelten errichten, und Ashkenazy gibt ihm die Baupläne.Das Schostokawotisch-Gebäude wurde kantig, von Fugen und Klüften durchzogen, mit Durchblicken in strahlendes Licht wie in finstere Abgründe.Aus der formal kunstvollen Anlage schälte Ashkenazy das Dekonstruktivistische, mit dem Schostakowitsch die "Ordnung" seiner Zeit in Frage stellte.

Schönberg dagegen ein kaum enden wollender Fluß an Harmonie, an Sehnsucht nach der Blauen Blume - Mahlers Klangwelt und die Emphase von Strauss.Ashkenazy gab eine rundum souveräne Leistung, seine Zuhörer durch das 50minütige düstere Drama unaufgeregt, mit klarem Blick für seine Gliederung zu führen.Bleibt noch zu erwähnen, daß mit John Taverners Meditation "The Protecting Veil" für Violoncello und Streicher (mit dem Solisten Yo Yo Ma) ein Werk aufgeführt wurde, das genau zum Trend der Unverbindlichkeit dank Metaphysik paßt und daher weder wehtat noch längere Eindrücke hinterließ.

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