Kultur : Seitenhiebe, Nächstenliebe

Bestsellerautor, Präsidentenschreck, Patriot: Michael Moore kommt mit seinem neuen Buch „Volle Deckung Mr. Bush“ nach Deutschland

Harald Martenstein

Es gibt übrigens immer noch links und rechts. Und im Herzen eines deutschen Linken gibt es immer noch einen Platz, wo die Kunst wohnt. Früher wurde dieser Platz von den Sängern Wolf Biermann, Ernst Busch und Franz Josef Degenhardt besetzt, von dem Autor Wallraff, von dem Künstler Staeck, und so weiter. Heute sitzt dort vor allem Michael Moore, der amerikanische Dokumentarfilmer, Autor und Bushregimekritiker. Michael Moore ist ein dicker Mann mit Basecap. Er behauptet, dass er in letzter Zeit 23 Kilo abgenommen hat, seit er konsequent auf Nahrung verzichtet, die mit dem Etikett „fettarm“ versehen ist. So ein Typ ist Moore.

Vor einiger Zeit traf ich einen amerikanischen Freund, der ein großer Bush-Fan ist. Er sagte, dass er und all seine Bekannten sich über die deutsche Begeisterung für Michael Moore wundern. So ein grottenschlechter Autor, und auf Platz eins der Bestsellerliste! Das sei eben ein weiterer Beweis für deutschen Antiamerikanismus. Ich sagte: „Michael Moore war in den USA auch auf Platz eins.“ Der Freund war fassungslos. Es stimmt aber. „Stupid White Men“, eine, wie es auf gut links heißt, Abrechnung mit George Bush, war sogar 2002 und 2003 das bestverkaufte Sachbuch in den USA. Und Moores Film „Bowling for Columbine“ gewann nicht nur den Oscar, er hatte auch 30 Millionen Zuschauer in den USA. Michael Moore ist, anders als Broccolipizza, Sissy-Filme oder Klezmermusik, keine speziell deutsche Marotte.

Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, sich eine Meinung über einen so dezidiert politischen Künstler zu machen und dabei von der eigenen politischen Meinung zu abstrahieren. Aber auf eine Sache kann man sich vielleicht einigen. Es hat wirklich nichts mit Antiamerikanismus zu tun, wenn einer George W. Bush für einen unterirdisch schlechten Präsidenten hält, oder mit Italienerhass, wenn man Berlusconi nicht supertoll findet, oder mit Antisemitismus, wenn man Sharon nicht zum weisesten Staatsmann des Jahrhunderts erklärt. Im Gegenzug gilt, dass nicht jeder Ausländer, der die Regierung Schröder für unfähig hält, von paranoidem Deutschenhass gesteuert sein muss.

Michael Moores neues Buch hat vom Piper-Verlag einen dümmlichen Titel verpasst bekommen, in dem nicht mal die Rechtschreibung stimmt: „Volle Deckung Mr. Bush“, ohne Komma. Im Original heißt es, subtiler: „Dude, Where’s My Country?“, etwa: „Alter, was hast du aus meinem Land gemacht?“ Ja, Moore ist ein Patriot. Er liebt sein Amerika, das Amerika der kleinen Leute mit Basecap und Gewichtsproblemen. Er ist ein Linker, was auf Amerikanisch „Liberaler“ heißt. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Linken ist er kein Intellektueller oder Theoretiker. Bei ihm kommt alles aus dem Bauch heraus. Er nimmt die Dinge gerne persönlich, ähnlich wie George W. Bush. Bush hält seine Gegner für Schurken und Schufte. Moore hält Bush für einen Schurken und Schuft. Deutsche Linke haben jahrzehntelang gelernt, in Strukturen zu denken, abstrakt, das war die Schule von Marx. Für Moore ist das Linkssein eine Frage des Anstands, der Solidarität mit den Armen. Einer seiner Lieblingsbegriffe heißt „gesunder Menschenverstand“. In Deutschland gilt das eher als eine rechte Formulierung.

In seinen Filmen läuft Michael Moore zu Bestform auf, wenn er auf Widerstand stößt, wie zum Beispiel bei dem Schauspieler und Waffen-Lobbyisten Charlton Heston in „Bowling for Columbine". Dann ist Moore unwiderstehlicher Performer, sprühend vor Sarkasmus, Penetranz und Charme, das große Ego unter einer Schelmenkappe verpackt. Seine Bücher leiden etwas darunter, dass ihm beim Schreiben niemand widersprechen kann. Dadurch bekommen sie hin und wieder etwas uncharmant Besserwisserisches, Grobes, sogar einen Touch von Stammtisch.

Das neue Buch fängt so an, vorhersehbar, ein wenig platt. Aber es endet überraschend. Moore nähert sich den Verschwörungstheorien zum 11. September, beschreibt die engen Verbindungen des Bush-Clans zu SaudiArabien und geißelt die Tatsache, dass etliche Mitglieder des saudischen Königshauses die USA nach den Terroranschlägen ungehindert verlassen durften – wäre alles andere nicht eine Art Sippenhaft gewesen? Moore glaubt, dass die Ölinteressen der Bush-Regierung hinter den beiden jüngsten Kriegen der USA stecken. Das sind oft gehörte Hypothesen. Auf sicherem Grund bewegt er sich, wenn er maliziös die inzwischen nachgewiesenen Lügen und Halbwahrheiten beschreibt, die der Welt rund um den Irakkrieg aufgetischt wurden. Sehr hübsch wird es, wenn Moore die Länder der Kriegskoalition beschreibt, auch Zwergstaaten wie Palau, mit ihren zugesagten Beiträgen zum Irak-Krieg. „Marokko bot an, 2000 Affen zu schicken, damit sie im Irak Landminen zur Explosion bringen. Bis jetzt hat es noch keine geschickt. Wenn es nicht bald die Affen herausrückt, darf es nicht von den Vorteilen einer Mitgliedschaft in der Koalition der Willigen profitieren.“

Das Buch beschreibt die Einschränkungen elementarer Bürgerrechte in den USA durch den so genannten „Patriot Act“, lässt Gott zu Wort kommen, der unter Tränen bestreitet, dass er auf George W. Bushs Seite steht, beschreibt den Glauben an unbegrenzte Aufstiegschancen, diesen alten amerikanischen Traum, als die eigentliche Scheidelinie zwischen Europa und den USA und versucht zu belegen, dass die Mehrheit der US-Bürger im Grunde liberal denkt. Moore fragt sich, wer Bush im kommenden Wahlkampf mit hoher Wahrscheinlichkeit besiegen würde, und fleht Oprah Winfrey an, zu kandidieren. Seine zweite Wahl wäre Tom Hanks. Dann macht er sich Gedanken darüber, wie sich der Terrorismus stoppen ließe.

„Wie wäre es, wenn wir uns dazu verpflichteten, innerhalb der nächsten fünf Jahre jeden auf der Erde mit sauberem Trinkwasser zu versorgen? Wie würde man dann über uns denken? Wer würde uns dann noch umbringen wollen? Und dann schenken wir ihnen noch ein bißchen Kabelfernsehen und ein oder zwei kleine Computer. Bevor sie sich versehen, lieben sie uns.“

Moore ist ein Moralist, ein Romantiker, ein Christ, hinter seinem oft brutalen Sarkasmus versteckt sich die alte, zärtliche Botschaft der Nächstenliebe. Bei Moore sind die Kapitalisten keine Klasse mit bestimmten Interessen, sie sind böse oder irregeleitete Menschen. Das Buch wird ziemlich erstaunlich, wenn er plötzlich über die Irrtümer der Liberalen spricht: ein ganzes Kapitel gilt liberalen Irrtümern und den Tugenden der Konservativen. „Drogen sind schlecht. Männer und Frauen sind verschieden. Gewaltverbrecher sollten eingesperrt werden. Nicht alle Gewerkschaften sind gut. Zurück zur Natur ist eine blöde Idee. Nixon war liberaler als die letzten fünf Präsidenten, die wir hatten. Bill O’Reilly hat ein paar gute Ansichten.“

Bill O’Reilly ist das konservative Gegenstück zu Moore, ein Moderator und Autor, genauso leidenschaftlich und scharf. Es ist so, als ob Georg Gafron von „Bild“ öffentlich erklären würde, dass manchmal das „Neue Deutschland“ Recht hat und nicht er. Das wäre bei uns wahrscheinlich unmöglich. Und es ist wirklich unmöglich, Michael Moore zu mögen, ohne Amerika zu lieben.

Volle Deckung Mr. Bush. Piper Verlag, München, 316 S., 12,90 €. Michael Moore tritt heute in der Berliner Columbiahalle auf (17.30 Uhr, 20.30 Uhr, wenige Restkarten). Am 17. 11. liest er in Hamburg, am 18. in Köln, am 19. in Augsburg, am 20. in München

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