Kultur : Sekundenweise Glück

Corinna T. Sievers schaut hinter Schweizer Fassaden.

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Ein Mann, zwei kleine Kinder, kein Sex. Privat hat die Schweizer Kriminalpolizistin Maria Rosenblatt nicht gerade ein aufregendes Leben. Die Mittvierzigerin, ihrem Selbstverständnis und ihrer Wirkung nach überaus attraktiv, ist die Gefangene einer Ehe mit einem Psychiater, der sich ihr und den Kindern bloß noch durch Müdigkeit verpflichtet fühlt. Das bleibt für ihren Gefühlshaushalt nicht ohne Folgen. Zu ihrer Verspanntheit gesellen sich romantische Träume, die sie auch ausleben will. Zugleich bekommt die Chefin in einem reinen Männerkommissariat es mit einem Fall von Kinderpornografie zu tun.

Temporeich und mit präzisen kurzen Sätzen zieht Corinna T. Sievers den Leser hinein in ihren dritten Roman nach „Samenklau“ und „Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung“, in dem sie ihre Erfahrungen als Kieferorthopädin verarbeitete. Ihrem Krimidebüt folgt man mit wachsender Spannung, Man staunt über die Offenheit ihrer Heldin für jede Art von Abenteuern, ihre Unerschrockenheit, ihre machtbesessene, geradezu machistische Abgebrühtheit im Umgang mit ihren Ermittlern, und man staunt über ihre wütende Entschlossenheit, die Urheber der pornografischen Fotos zu stellen.

Eine faszinierende Frau, diese Maria Rosenblatt, doch ein wenig abstoßend in ihrer sehnsuchtsvollen Unzufriedenheit mit ihrem Leben. Eine Moralistin, aber nicht ehrlich, bloß zu sich selbst. Eine, die nicht genug bekommt und dennoch nicht bei sich ist, nur mal sekundenweise glücklich, verliebt ausgerechnet in einen Staatsanwalt.

So mutig, wie Corinna T. Sievers, die nach Jahren in Berlin mittlerweile selbst in der Schweiz vor den Toren von Zürich lebt, ihre Maria in kurzen Röcken und auf hohen Hacken durch die Männerwelt stolzieren lässt, entwickelt sie den Fall, von dem man anfangs glaubt, er sei gar nicht aufzuklären. Aber Fotos sagen manchmal mehr, als ihre Urheber ahnen.

Man entdeckt dass hinter den Fassaden der schicken, teuren Schweiz, in der Maria zu Hause ist, Milieus existieren, in denen Eltern offenbar nicht mitbekommen wollen, was mit ihren Kindern passiert. Das Grauen, das Maria Rosenblatt kennenlernt, erschüttert sie in all ihren Hoffnungen. Aber sie bleibt ganz bei sich – eine starke Frau. Werner van Bebber

Corinna

T. Sievers:
 

Maria Rosenblatt.

Roman.

Edition Nautilus,

Hamburg 2013.

143 Seiten, 16 €.

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