Kultur : Selber denken!

Er ist Berliner, war Philharmoniker: Kolja Blacher kehrt als Solist zu seinem Orchester zurück

Frederik Hanssen

Angst vor folgenreichen Entscheidungen hat Kolja Blacher nie gehabt. Mit 15 Jahren beschloss er, nach New York zu gehen. Die Violinklasse von Dorothy DeLay an der Juilliard School war sein Ziel. Damals existierte die Trennung der Welt in zwei Blöcke auch in der Klassik: Im Osten war das Moskauer Konservatorium das Nonplusultra für alle Hochbegabten; wer im Westen als Geiger etwas werden wollte, den drängte es in die Meisterklasse der legendären New Yorker Professorin. Seine Mutter, sagt Kolja Blacher rückblickend – und er sagt es mit Dankbarkeit –, war „liberal genug“, um ihn in die USA ziehen zu lassen. Sie hatte verstanden, wie ernst es ihr Jüngster meinte.

Der ehrgeizige Teenager wollte „richtig Konkurrenz“ – und die bekam er dann auch: Nigel Kennedy, Sarah Chang, Midori, Shlomo Mintz, heute allesamt Weltstars, waren seine Mitstudenten an der Juilliard School. „Ich habe in der Zeit 150-prozentig gelebt, mit allen Höhen und Tiefen“, erinnert sich Kolja Blacher, „in meinem ganzen Berufsleben habe ich nie wieder so viele so harte Situationen erlebt.“ Als er 1983 nach Deutschland zurückkehrt, fühlt er sich fit für die Virtuosenkarriere. Doch er will mehr sein als ein Teufelsgeiger. Am Salzburger Mozarteum nimmt er Unterricht bei Sandor Vegh und merkt sofort: „Das ist die Art, wie ich Musik machen will.“ Hatte er in New York gelernt, Stücke handwerklich perfekt darzustellen, so entdeckt er im Dialog mit dem ungarischen Musiker nun den Inhalt, erfährt, wie man als Interpret über seine Begegnungen mit den Komponisten erzählt, eben „mehr sprechend als malend“.

Das Leben als reisender Solist läuft rundum zufriedenstellend für den jungen Künstler, da fällt Blacher 1993 die nächste einschneidende Entscheidung: Er wird Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern – ohne jede Orchestererfahrung. „Es war für beide Seiten ein echtes Experiment“, gibt er unumwunden zu. Aber es gelingt, Blacher wird zu einem der engsten Vertrauten des Chefdirigenten Claudio Abbado. Dann aber kommt das verflixte sechste Jahr, Kolja Blacher muss sich eingestehen, dass die Doppelbelastung auf Dauer nicht durchzustehen ist. Denn parallel zu seinem „Dienst“ bei den Philharmonikern gehen die Solo-Auftritte weiter. Als ihn das Angebot erreicht, Professor an der Hamburger Musikhochschule zu werden, macht er 1999 einen scharfen Schnitt, gibt seinen festen Job auf – immerhin eine der begehrtesten Stellen im internationalen Klassikbetrieb.

Bereut hat er es nicht. Weil seine Sicht auf das Virtuosendasein durch die Erfahrungen bei den Philharmonikern eine andere geworden ist: Großen Spaß machen ihm jetzt Konzerte, bei denen er von seinem Geigenpult aus das Ensemble leitet – weil dann alle Beteiligten zum aktiven Mitspielen gezwungen werden. Beim Hongkong Philharmonic Orchestra hat er gerade so ein kapellmeisterloses Programm mit Wiener Klassik erarbeitet, mit dem Orchester im australischen Melbourne wagte er sich sogar schon an Schönbergs hochkomplexe „Verklärte Nacht“, Projekte dieser Art mit dem Mahler Chamber Orchestra und der Accademia di Santa Cecilia in Rom werden folgen.

Ein Jobwechsel ist dennoch nicht Blachers Ziel: Mit Claudio Abbado beispielsweise steht er immer gerne auf der Bühne, seit 2003 allsommerlich beim Lucerne Festival Orchestra und an diesem Wochenende als Gastsolist bei „seinen“ Philharmonikern mit Violinkonzerten von Bach und Kurt Weill. Eine typische Blacher-Mischung: zum Zuhören und Nach-Denken.

Die Konzerte am 18., 19. und 20. Mai sind leider bereits ausverkauft.

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