Kultur : Selber machen

Zum 80. Geburtstag von Carola Stern

Jörg Plath

Auf die Frage, wer Deutschland in zehn Jahren regieren wird, antwortete Carola Stern 1997: „die Bundeskanzlerin“. Nun ist es zwei Jahre früher soweit, die Publizistin wird es freuen. In den Sechzigern übergaben ihr die Männer bei Treffen noch die Mäntel, weil sie sie ganz selbstverständlich für die Garderobenfrau hielten. In den Siebziger Jahren begann die erste Redaktionssitzung der linken Zeitschrift L’76, die Carola Stern mit Günter Grass und Heinrich Böll herausgab, so: „Setz dich mal an die Schreibmaschine, Carola“, sagte Grass, „und ich diktiere.“ Carola tat wie geheißen – und stand wieder auf: „Kannst du selber machen!“

Carola Stern ist immer wieder aufgestanden – für sich und ihre Geschlechtsgenossinnen, vor allem aber gegen Unrecht und Diskriminierung. Die Frau, die mit Gerd Ruge die deutsche Sektion von amnesty international gründete, war nicht kleinlaut. „Carlchen Maulaufreißer“ spottete ihr Mann. Gegner schimpften sie eine „Politnutte“ Ost-Berlins. Carola Stern war eine Galionsfigur der humanistischen Linken.

Ihre Vorgeschichte ist ziemlich ungewöhnlich. Carola Stern, die 1925 als Erika Assmus im Ostseebad Ahlbeck geboren wird, wächst nicht nur wie viele ihrer Generation als glühende Nationalsozialistin heran. Sie hat auch, das verriet sie in ihrer Aufsehen erregenden Autobiografie „Doppelleben“ (2002), nach dem Krieg für den amerikanischen Geheimdienst spioniert. Die Bibliothekarin im sowjetischen Raketenforschungsinstitut in Bleicherode lieferte Informationen und erhielt im Gegenzug für ihre schwerkranke Mutter Medikamente, die auf dem Schwarzmarkt unerschwinglich waren. Nach dem Tod der Mutter bricht sie den Kontakt jedoch nicht ab, sondern macht auf Bitten der Amerikaner Karriere in der SED. Erst im Juni 1951 flieht sie nach Westberlin. Warum so spät? Die Geheimdienstmitarbeiter seien ihr, die ohne Vater aufgewachsen sei, eine Familie gewesen, schreibt Stern in ihrem Lebensrückblick.

Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Liebe treibt die ehrgeizige Frau an. Der Einsamkeit in Westberlin, so ist es in den frühen Memoiren „In den Netzen der Erinnerung“ (1985) nachzulesen, entkommt die Studentin der Freien Universität durch Ernst Richert. Der Begründer der DDR-Forschung bringt seiner Assistentin in verrufenen Bars die Grundbegriffe der Philosophie bei. Sie wird Mitglied der SPD und zeichnet ihre Aufsätze über die DDR erst mit drei Sternchen, dann als Carola Stern. Nach zwei Entführungsversuchen der Stasi, einem Zusammenbruch und schwierigen Jahren als freie Journalistin zieht sie 1960 nach Köln. Dort wird sie Mitarbeiterin der Zeitschrift „SBZ-Archiv“, wechselt in einen Verlag und lektoriert, als dieser zu Kiepenheuer & Witsch kommt, plötzlich die Vordenker der Sozialdemokratie: Peter Bender, Peter Glotz, Klaus Bölling.

1969 wird Stern Redakteurin des WDR. Als dessen erste weibliche Kommentatorin trommelt sie für die Entspannungspolitik Willy Brandts, für die Friedens- und Frauenbewegung. Es sind, so hat sie gesagt, ihre „besten Jahre“. Nach 1990 schreibt sie Biografien über Dorothea Schlegel, Rahel Varnhagen oder Isadora Duncan. Dieses Jahr ist ihr Buch über Marianne Hoppe und Gustaf Gründgens, „Auf den Wassern des Lebens“, erschienen. Carola Stern, die heute 80 Jahre alt wird, hat bei Varnhagens Freundin Pauline Wiesel ihr Lebensmotto gefunden: „Warum lebt man? Um Liebe und Freundschaft.“

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