• Selbst hierzulande lässt sich der innere Zwiespalt von Bleiben oder Heimkehren nicht überwinden (Kommentar)

Kultur : Selbst hierzulande lässt sich der innere Zwiespalt von Bleiben oder Heimkehren nicht überwinden (Kommentar)

Thomas Lackmann

Ganz salonfähig sind Vertriebenenwitze im Nachkriegsdeutschland nie gewesen. Sie kursierten unter der Rubrik des halbschlechten Gewissens: als Angriff auf eine politisch nicht zu unterschätzende Opfergruppe, deren Opferbewusstsein leise befriedet werden musste. Einer dieser unkorrekten Witze geht über den Maler, der von Hitler-Bildern lebt, und auf die Frage, wer sowas haben wolle, antwortet: "Ich verkaufe sie den Ostpreußen - die haben IHN nicht gekannt." Die Vertriebenen waren eben nicht nur jene, deren Besitz weit "drüben" lag, sie hatten möglicherweise auch ihre Schuld samt mancherlei Parteiabzeichen im Orkus des erlittenen Unrechts zurückgelassen. Von den Nichtvertriebenen, deren Solidaritätsabgabe Lastenausgleich hieß, mussten sie (die keine Achselhaare hatten, "weil ihnen oft unter die Arme gegriffen worden ist") lange Zeit Häme einstecken. Dieses Witzrepertoire ist mit dem Bedeutungsverlust der Vertriebenenpolitik geschrumpft, welche sich biologischen Abgängen und neuen Großwetterlagen verdankt.

Dennoch ist das Vertriebenenleben, dem ein wachsender Teil der Menschheit unterworfen ist, seitdem nicht lustiger geworden. Mit dem surfenden Lebensstil des global setter, der als postmoderner Karriere-Typus die Lifestyle-Magazine durchgeistert, hat das forcierte Exil des Fortgescheuchten sehr wenig zu tun. Wer einmal ein Lager für displaced persons betreten hat, wird gespürt haben, dass unfreiwillige Entwurzelung Menschen deformiert. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich an den Besuch in einem Flüchtlingslager nahe der mozambikanischen Grenze, das die Bewohner jahrelang immer wieder in Richtung Heimat verließen, um bald darauf zwangsweise zurückzukehren. Seine stärkste Erinnerung an diese Besichtigung besteht nicht aus dem Panorama des Elendes inmitten einer heißen Staublandschaft, sondern im Bild des Bäumchens, das eine Frau gegen alle Vernunft vor dem Zelt gepflanzt hatte. Bleiben? Heimkehren? Selbst hierzulande lässt sich dieser innere Zwiespalt nicht überwinden, nicht bei bester Containerunterbringung.

Auch die Nachricht, dass Deutschlands Bund der Vertriebenen die Errichtung seines angekündigten Berliner "Zentrums gegen Vertreibung" mit Unterstützung durch Otto Schily und Eberhard Diepgen vorantreibt, entbehrt nicht der Zwiespältigkeit. Die Vertriebenen "unserer" Ostgebiete hatten, so sagte man seinerzeit, den größten Preis gezahlt für den deutschen Vernichtungskrieg; sie wurden zum Faustpfand der politischen Rechten, traten erst nach der Wende aus dem Schatten des Revanchismus heraus. Die geplante Institutionalisierung ihrer Geschichtsarbeit jedoch steht im Brennpunkt ideologischer und politischer Fragen aus dem gesamten Erinnerungs- und Menschenrechtskomplex: Was sind Opfer der zweiten, dritten Generation? Wer unter den Kriegs- und Bürgerkriegs- und Elendsmigranten weltweit sind die wahren Vertriebenen? Dient solch ein Zentrum als nötiger Gedächtnisspeicher der Gesellschaft oder nur ihrer Victimisierung, der Identitätsbehauptung durch Opferpolitik? Sind Vertriebene Trittbrettfahrer, wenn sie den Schulterschluss mit verfolgten Minoritäten wie den Kosovaren vollziehen? Und warum bestehen sie - im Gegensatz zu Minister Naumanns Osteuropa-Definition - darauf, Schlesien sei Mitteleuropa? Wer stellt sich der ganzen Vergangenheit; wer definiert, wo die Mitte ist? Beginnt der Osten nicht in Berlin? Manche Antworten brauchen so lange wie ein Baum.

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