Kultur : Selbstbildnis als gerechter Herrscher

Grauns „Montezuma“ an der Berliner Staatsoper.

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Foto: Sony/Marco Borggreve
Foto: Sony/Marco Borggreve

Als aufgeklärter Schöngeist auf dem Thron wollte er gesehen werden, als Philosoph, Baumeister und Komponist. Dass Friedrich II. auch als Librettist seine Finger nicht von der Kunst lassen konnte, verwundert nicht. 1755 wurde an der Hofoper „Montezuma“ uraufgeführt, der Monarch hatte den Prosaentwurf geliefert, Carl Heinrich Graun die Musik geschrieben. Das subtropische Mittelamerika und die sandigen Weiten Preußens könnten kaum weiter voneinander entfernt sein, geografisch wie geistig. Aber ein Aztekenkönig, der so gütig ist, dass er sogar seine Todfeinde einlädt, muss Friedrich gereizt haben. Dieser Montezuma sollte der ideale Herrscher sein, der Friedrich selbst gerne gewesen wäre – und zugleich sein realpolitisches Handeln rechtfertigen. Ein Jahr nach der Uraufführung fällt er in Sachsen ein, um dem Angriff von Österreich, Frankreich und Russland zuvorzukommen, und löst damit den Siebenjährigen Krieg aus. Offenbar schuf er „Montezuma“, um zu zeigen, das er nicht so enden wollte wie dieser.

Gleiche Institution, anderer Ort: Die Staatsoper führt zum Friedrich-Jahr das Stück im Schillertheater wieder auf, gemeinsam mit dem Institut für Musikforschung, das parallel dazu eine Ausstellung zeigt. Ganz vertraut man der Kraft des Werks aber offenbar nicht: Anders als eine Woche zuvor bei der Kammerakademie Potsdam ist hier nur eine konzertante Aufführung zu sehen, die Rezitative sind durch Zwischentexte ersetzt. Das macht die schiere Addition von Arien und Kavatinen, aus denen das Stück zusammengesetzt ist, noch ohrenfälliger. Zwar ist der Versuch im Programmheft verständlich, „Montezuma“ als Vorläufer der Gluckschen Opernreform darzustellen. Die Musik des wackeren Graun versucht zwar, die Charaktere emotional nachzuzeichnen, kann aber nicht verbergen, wie sehr sie noch zeittypischen Konventionen verhaftet ist, ein Werk der Nebelzone zwischen Spätbarock und Frühklassik. 1756, ein Jahr nach der Uraufführung, wird Mozart geboren.

So ist der Abend vor allem eine Plattform für Sängerstars. Kenneth Tarver, Einspringer für Pavol Breslik in der schmalen Rolle des Dieners Tezeuco, kämpft an diesem Abend mit der Höhe. Vesselina Kasarova dagegen ist mit ihrem ausgewogenen, dunklen Mezzo für die Titelrolle wie geschaffen. Anna Prohaska singt mit ätherischem, etwas dünnem Sopran Montezumas Geliebte Eupaforice, eine Figur, die Friedrich und Graun besonders geliebt haben. Mit fülligen, satten Stimmen können Ann Hallenberg und Adriane Queiroz überzeugen, beide leider nur in Minirollen. Alte-Musik-Experte Michael Hofstetter hat alle Hände voll zu tun, die Staatskapelle zu aufwühlendem Spiel anzutreiben. Dennoch: Musikhistorisch ist die Aufführung bedeutsam. Ein großer Opernabend wird es nicht. Udo Badelt

Noch einmal heute, Samstag, 19.30 Uhr

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