Selbstdarsteller : Helden unserer Zeit

Kino und Pop: Ist es nur Zufall, dass auf der diesjährigen Berlinale so viele Rockstars im Blickpunkt stehen?

Kai Müller
Madonna ist bestverdienende Frau im Musikgeschäft
Kein Geheimnis: Madonna hat schon immer gerne zwischen Popmusik und Schauspielerei gewechselt -Foto: dpa

BerlinAls „Berlinale der Popstars“ sorgen die diesjährigen Filmfestspiele schon vorab für Furore. Nicht, dass es im Vorfeld des wichtigsten Berliner Kulturereignisses je weniger aufgeregt zugegangen wäre. Die Erwartung an die Stars, die den Glamour des Kinos in die winterstarre Stadt tragen, verhält sich jedes Mal umgekehrt proportional zur Außentemperatur. Aber diesmal wird die Liste der Hollywood-Größen überstrahlt von Musikern wie Madonna, Patti Smith, Neil Young und natürlich den Rolling Stones, die morgen als Protagonisten von Martin Scorseses Konzertfilm „Shine A Light“ die Berlinale eröffnen.

Nie zuvor war Popmusik auf einem internationalen Filmfestival so präsent: In den Nebenreihen tummeln sich Hiphop aus Uganda, Rapper von den Philippinen, argentinischer Tango, die Berliner Philharmoniker auf Asien-Tournee. Mit „Lady Jane“ läuft im Wettbewerb ein Film, der nach einem Rolling-Stones- Song benannt ist. Aber damit nicht genug: Morgen kommt mit „Märzmelodie“ eine Liebeskomödie „mit Originalliedern aus fünfzig Jahren deutscher Popgeschichte“ in die Kinos. Und nur einen Tag nach der Berlinale startet Todd Haynes episodische Dylan-Meditation „I’m Not There“. Wie kommt es zu dieser Häufung? Alles nur Zufall? Oder haben Musiker anderen Berufsgruppen etwas voraus, das sie zum beliebten Gegenstand von filmischen Huldigungen macht? Wodurch wird ihr Starruhm veredelt?

Die Nähe von Pop und Kino basiert auf einem Missverständnis. Der Annahme nämlich, die beiden Kunstformen könnten – zumal in Zeiten der ökonomischen Krise – voneinander profitieren. Ein plausibler Gedanke, gewiss, ist doch das Kino ohne die Sounds, Gesten, Lebenshaltungen der populären Musik gar nicht denkbar. Ob im Rock’n’Roll der fünfziger Jahre, im Soul der späten Sechziger oder im Hiphop der Achtziger – stets fand das Kino in der Musik jenen Zeitgeist, mit dessen Hilfe es seine Plots in der Gegenwart verankert sah. Aber Pop, der für den Augenblick gemacht ist, sträubt sich gegen das Erzählerische. Er ist an die Gegenwart adressiert und überformt die Story mit emotionalem Überschwang, weswegen ein Soundtrack voller Pop-Hits ein gutes Indiz für eine dürftige Handlung ist. Filme, die auf den Booster-Effekt von Popsongs setzen, sind psychologisch meist allzu eindimensional gestrickt.

Auch ist oft unerquicklich, Popmusiker nach einer erfolgreichen Karriere sich als Schauspieler betätigen zu sehen. Diesbezügliche Bemühungen von Mick Jagger, Sting, Whitney Houston oder der noch eher jungen Norah Jones (derzeit mit „Blueberry Nights“ im Kino) zählen nicht zu den Sternstunden der Filmkunst. Aber vermutlich geht es darum auch gar nicht. Vielmehr signalisiert die Zweitkarriere, die in der Regel nach wenigen Filmen wieder abgebrochen wird, wie sehr sich die Musiker schon immer als Darsteller gesehen haben – als Schauspieler ihrer selbst. Da verwundert es nicht, dass sich Madonna jetzt als Regisseurin hervortut. Die Allround-Künstlerin hat sich bereits in unzähligen Videoclips selbst inszeniert und weiß zumindest, wie man mit der technischen Apparatur umgeht.

Hinzu kommt, dass Popmusikern seit einigen Jahren zentrale Einnahmequellen wegbrechen. Da das Album als Kernmedium ausgedient hat und auch der Videoclip verschwindet, sucht sich der Star andere Darstellungswege. Das Live-Konzert ist einer, der Film ein anderer und der Konzertfilm die logische Konsequenz aus beidem. Dass dieses Genre allerdings nur wenige filmisch herausragende Werke hervorgebracht hat, markiert ein Dilemma: Es fehlt praktisch jede Art von Dramaturgie. Es genügt, einen Konzertfilm gesehen zu haben, um alle zu kennen. „Monterey Pop“, „Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ von D. A. Pennebaker oder Michael Wadleighs „Woodstock“ behalten vor allem als historische Relikte ihre Bedeutung.

Am radikalsten ist die Kreuzung in Musikfilmen wie „Help“, „Tommy“ oder „Purple Rain“ vollzogen. Die Band wird hier als Märchengebilde neu konstruiert. Auf eine konzise Handlung wird gar nicht erst gebaut. Die Musik übernimmt die Regie. Wobei das Bemühen, das an die Songs gekoppelte Lebensgefühl einer Ära zu bebildern, sich in grotesken, überspannten Bilderfluten austobt.

Trotzdem kann sich das Kino der Popmusik auch nicht verwehren. Sie ist zur dominierenden Kultursprache geworden. Wo immer sich die globalisierte Konsumwelt über sich selbst klar zu werden versucht, findet sie im Pop Anschauungsmaterial. Und zwar nicht erst aus der historischen Distanz, sondern im Augenblick der Manifestation in Mode, Sprache, Gebaren – in all den merkwürdigen Zeichen, mit denen sich die Jugend schmückt.

Die Helden dieses Wissens, das noch „unbegriffen“ ist, sind die Popmusiker. Als Protagonisten eines Lebensgefühls, das sich nicht richtig fassen lässt, sind sie sich oft genug selbst ein Rätsel. Elvis wusste jedenfalls nicht zu erklären, warum er die Massen in Verzückung zu versetzen vermochte. Er tat es einfach. So wie etliche andere Ikonen der Popkultur, die immer nur für sich selbst stehen – auffallend häufig ohne den intellektuellen Überbau, den bildende Künstler mit ihrem Werk verknüpfen. Popmusiker scheinen, anders als Schauspieler, mit jedem Imagewandel, jeder neuen Rolle eine private Erzählung weiterzutreiben, die immer nur sie selbst meint.

Daraus erklärt sich der Ehrgeiz Hollywoods, die mysteriösen Lebensgeschichten von Ray Charles und Johnny Cash auf die Leinwand zu bringen; Projekte über Miles Davis, Janis Joplin und Kurt Cobain sind in Planung. Dass sich die Stoffe wegen der Popularität der Figuren gut verkaufen, ist nur ein Grund für ihre Entstehung. Legendenbildung ein anderer. Erzählt wird in „Walk the Line“, „Ray“, „The Doors“ oder „Control“ immer dieselbe Geschichte von Außenseitern, die ihr Leben einer Sache widmen, die sie nie ganz verstehen. Drogen, Frauengeschichten, schäbige Hotelzimmer und Luxusvillen kommen hinzu, was kein Privileg dieser Biopics ist. Aber das Drama geht weit über den sozialen Abstieg und die bloße Revolte hinaus. Denn der Popstar wird für etwas verehrt, auf das er nach seinem Ermessen gar keinen Einfluss hat. Das macht ihn zur Leitfigur unserer Zeit.

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