Kultur : Selbstentfremdung und Vatermiene

Am 11. September wäre er 100 Jahre alt geworden. Bis dahin zitieren wir täglich Theodor W. Adorno

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Die Menschen, keiner ausgenommen, sind überhaupt noch nicht sie selbst. Mit Fug dürfte unter dem Begriff des Selbst ihre Möglichkeit gedacht werden, und sie steht polemisch gegen die Wirklichkeit des Selbst. Nicht zuletzt darum ist die Rede von der Selbstentfremdung unhaltbar. Sie ist, trotz ihrer besseren Hegelschen und Marxischen Tage, oder um ihretwillen, der Apologetik anheimgefallen, weil sie mit Vatermiene zu verstehen gibt, der Mensch wäre von einem Ansichseienden, das er schon immer war, abgefallen, während er es nie gewesen ist und darum vor Rückgriffen auf seine archai (im Original griechisch) nichts zu hoffen hat als Unterwerfung unter Autorität, gerade das ihm Fremde.

Aus: Negative Dialektik. Dritter Teil. Modelle: 1. Freiheit. Zur Metakritik der praktischen Vernunft. In: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan BuckMorss und Klaus Schultz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997. Band 6

WAS ADORNO SAGT (19)

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