Kultur : Selbstgespräche im Supermarkt

KAI MÜLLER

Seine Hände greifen wie wilde Tentakel nach etwas, das sie umfassen können.Es sind dramatische Gesten, die der Amerikaner Howard Katz Fireheart in die Luft malt.Er ist Tänzer, Performance-Künstler, Choreograph und er spricht mit seinem ganzen Körper.In diesem Fall über Musik.Gerade hat seine Band "Post Holocaust Pop" ihr Debütalbum herausgebracht.Das Label hat er selbst gegründet.Es ist ein Album voller Schattierungen, Ecken und Kraftfelder, durch die sich Fireheart wie ein Schlafwandler bewegt, um seine nachdenklichen Kurzgeschichten und Mini-Dramen zu erzählen.

Post Pop.Post Holocaust.Holocaust Pop? Es sind gewagte Assoziationen, die der Titel provoziert und die ihm, dem im New Yorker Stadtteil Brooklyn aufgewachsenen Juden, über den Kopf zu wachsen drohen."Eine große Verantwortung", stöhnt er."Ich bin kein Schock-Künstler, der es auf die Provokation abgesehen hat.Aber ich will, daß der Holocaust als Teil der täglichen Erfahrung anerkannt wird, ohne daß ich belehrend wirken möchte." So ist die lockere Szenenfolge seiner Songs im Kern eine Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Wurzeln, die er lange unterdrückt hat."Ich habe mich an einem Pentagramm orientiert, ein dunkles Zeichen, das mir wie ein Gewicht in der Seele lag.Doch schließlich ist der einzige Song, den ich mir wirklich von der Seele singen mußte, auf der CD nicht enthalten."

Fireheart ist ein Meister der musikalischen Mimikry.Jedem Song haben er und seine beiden Mitstreiter mit minimalem Aufwand - Gesang, Cello, Akkordeon und Schlagzeug - ein vollkommen eigenes Gesicht verliehen."Ich bin ein Geschichtenerzähler", erklärt er, "der Charaktere erfindet und sie eine Weile begleitet." In seiner wandlungsfähigen Stimme spürt man die melancholische Schwere des Blues, die sich mal der näselnden Gleichgültigkeit Lou Reeds, mal den ruppigen Selbstgesprächen Captain Beefhearts annähert.Auch Tom Waits Säuferballaden haben ihre Spur hinterlassen.

Fireheart, geboren "in dem Jahr, als Elvis `All Shook UpÔ herausbrachte", ist ein Multitalent.Er hat Musik, Tanz und Theater studiert und ist darin geübt, Genres und Haltungen zu imitieren.Das macht ihn zu einem Überlebenskünstler, der im Supermarkt der Musik-Richtungen nicht auf ein Spezialgebiet festgelegt ist.So hat er sich wiederholt als Ghostwriter für ein paar "Big Names" verdingt und Werbe-Jingles komponiert.Doch künstlerisch war das für ihn kaum profitabel."Ich bin für das Geschäft zu sehr ein Hippie.Denn ich habe immer wieder das Bedürfnis gehabt, meine Autorenrechte einfach zu verschenken."

In Berlin lebt Fireheart seit drei Jahren.Zuletzt war sein Musical "Junk Monkey" am Theater am Halleschen Ufer zu sehen.Mit dem Label Kook-Music möchte er etwas kreieren, das er wenig bescheiden "New Berlin Sound" nennt - "bevor Sony es tut".

"Post Holocaust Pop" und Gäste, Maria am Ostbahnhof, morgen (22.4.) um 22 Uhr

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