Selbstmord : Das Drama der Milliardäre

Selbstmordserie in der Spielhölle: Schmilzt das Vermögen, erodiert der Mensch.

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Tanz um das Goldene Kalb. "Simplicissimus"-Karikatur, 1923 -Foto: bpk/Dietmar Katz

Er ist der reichste Mann in seiner Kleinstadt. Sein Geschäftssinn ist legendär. Aber Banken misstraut er. Sein Geld hortet Dagobert Duck in einem riesigen Privatspeicher, der ihm auch als Swimmingpool dient. Wobei Geiz der falsche Ausdruck für die Art ist, wie der selbst ernannte „Fabrikant, Reeder, Händler, Investor und Bill Collector“ seine Münz- und Geldscheinberge fortwährend vergrößert. Er braucht nicht immer mehr Geld, um ein immer angenehmeres Leben zu führen. In seiner Schatzkammer lagern 772000 Kubikmeter davon. Reichtum ist ihm zum Selbstzweck geworden und in seiner neurotischen Anbetung des Geldes macht er ein Spiel daraus, es zu besitzen. Es ist leicht, in Dagobert Duck, dem habgierigen Zillionär, einen Vorläufer des heutigen Finanzkapitalismus zu sehen. Vor allem, weil all sein Denken um die Unermesslichkeit eines Vermögens kreist, das sich wie von selbst vermehrt.

Dagoberts Nachfahren, die wir Milliardäre nennen, glauben an denselben Alchimistentraum. Doch ihre Zuversicht ist erschüttert. Deutsche Industriellenfamilien wie der Haniel-Klan, Henkel, Siemens, Wacker oder Merckle verloren im Zuge der Finanzkrise jeweils über drei Milliarden Euro, so meldete es „Capital“. Plötzlich wird auch die Finanzaristokratie in den Strudel des sozialen Abstiegs hineingezogen – etwas, das für sie eigentlich nicht mehr galt, ist doch der Milliardär nach Auskunft der „Forbes“-Liste der reichsten Menschen einer, der nur immer reicher wird.

Umso tiefer sitzt der Schock. Der Selbstmord des 74-jährigen Ratiopharm-Unternehmers Adolf Merckle, der sich Montagnacht unweit seiner Villa auf die Bahngleise legte, zeigt, wie sehr das Geld gefüge ins Wanken geraten ist. So sehr, dass der Tod zur Alternative wird. Ende September hatte sich bereits der 47-jährige Fonds-Manager Kirk Stephenson vor einen Nahverkehrszug westlich von London geworfen. Er hatte sich mit dem Kauf von Bankaktien der Schweizerischen UBS verspekuliert. Anfang Dezember setzte der Chef der Schweizer Julius-Bär- Privatbank seinem Leben ein Ende, mit 52 Jahren. Und schließlich beging kurz vor Weihnachten ein französischer Investment-Banker Selbstmord, nachdem er verzweifelt versucht hatte, das Geld seiner Anleger wiederzubeschaffen. Es war im Betrugsskandal um den Wall-Street-Tycoon Bernard Madoff untergegangen.

Tragödien. Verzweiflungstaten. Weltfluchten. Die Art und Weise, wie high flying Banker und Börsenspekulanten aus dem Leben treten, hat etwas von einem Fanal. Dass ihnen die Aussicht auf den Tod erträglicher erscheint, als mit der Scham und dem Wissen um ein verprasstes Vermögen (manchmal nicht mal das eigene) weiterzuleben, ist eigenartig und alarmierend. Es demonstriert, wie sehr selbst Milliardäre ihr Selbstwertgefühl an die Summen knüpfen, mit denen sie an der Börse notiert sind. Schmilzt das Vermögen, erodiert auch der Mensch – eine Erfahrung, die der Kapitalismus unabhängig von Einkommensklassen für jeden bereithält. Viel Geld zu verdienen, ist eine Investition ins Ich; wenn es plötzlich weniger sein soll, ist auch die psychische Deklassierung unvermeidlich.

Dabei geht es nicht um materiellen Wohlstand. Superreiche besitzen mehr, als sie für Luxusgüter ausgeben könnten. Mark Twain hat diesen Umstand in der Erzählung „The Million Pound Note“ – 1954 mit Gregory Peck verfilmt – ironisch gebrochen. Darin wetten zwei stinkreiche britische Brüder um den Nutzen, den ein Geldschein dieser Größe für seinen Besitzer haben kann. Kann er die Pfundnote überhaupt ausgeben, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Oder muss er das gar nicht, weil ihn jedermann automatisch für kreditwürdig hält? Betrogen muss sich am Ende keiner fühlen.

Da Superreichtum zu weniger als einem Drittel auf regelmäßigem Einkommen fußt, ist die Geld-Elite zur Spielerexistenz verdammt. Ihr Geld muss fließen. Es liegt eben nicht wie bei Onkel Dagobert in Silos herum, sondern gehorcht, wie der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Aron Brown sagt, den Gesetzen des Spielkasinos.

Vielleicht wird man einmal erklären können, wie aus dem mittelständischen schwäbischen Unternehmer Merckle mit wachsendem Erfolg ein globaler Finanzjongleur wurde, der sich sein Firmenimperium mit riskanten Kreditgeschäften zusammenkaufte. In die Literatur hat der Typus des gesellschaftlichen Aufsteigers und Überfliegers, der sich am Ende im Börsengeschehen verliert, längst Eingang gefunden. In „Cosmopolis“ schildert Don DeLillo 2003 die Irrfahrt eines irrwitzig reichen Vermögensverwalters durch New York. Eric Packer heißt der an Madoff gemahnende Tycoon und er sitzt in einer obszön langen und gepanzerten Stretchlimousine, um sich zum Friseur kutschieren zu lassen. Er verwettet sein Geld in Devisengeschäften und geht binnen eines Tages bankrott. „O Scheiße, ich bin tot“, wird er sich anschließend sagen. Und weiter: „Vielleicht wollte er dieses Leben am Ende doch nicht, pleite noch einmal von vorn anfangen, ein Taxi rufen auf einer belebten Kreuzung voller drängelnder leitender Jungangestellter ... Was aber wollte er, das nicht postum war?“

Eine dünne Blutspur zieht sich schon durch die Romane von John Dos Passos („Big Money“) und F. Scott Fitzgerald („The Great Gatsby“). Im einen Fall ist es ein Flugzeugfabrikant, dessen Leben nach rasantem sozialem Höhenflug an einer Bahnschranke endet – bei einem Wettrennen mit einem Schnellzug. Im Falle Gatsbys verschleiert der Autor die genaueren Umstände des Heldentods. Ein Schusswechsel? Mord? Egal. Die Kugel erwischt einen, der sich selbst aufgegeben hat. So was passiert in Amerika, wo Reichtum oft aus der puren Gewalt von Außenseitern hervorgeht, die dazugehören wollen.

Einmal, als Diebe Dagoberts Talerturm anbohren und das gewaltige Vermögen unterirdisch absaugen, ist Dagobert am Boden zerstört. Schon eine verlorene Münze treibt ihn an den Rand des Wahnsinns – und dann das: Alles futsch! Aber es ist seltsam mit diesem Erpel, der ein boshaftes Ränkespiel um seine Erbfolge am Köcheln hält. Ebenso wenig wie er sich in sein Schicksal als verarmter Ex-Zillionär fügt, ebenso wenig altert er. Der Tod ist keine Alternative.

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