Kultur : Selbstverliebtes Ringelreihen

MANUEL BRUG

Manche Menschen werden im Alter weiser, neugieriger, verrückter.Ganz besonders der wundersame, fast schon weltentrückt gütige Theater-Übervater George Tabori.Bevor er sich jetzt in ein Berliner Zirkuszelt begibt, um dort Mozarts "Zauberflöte" zu inszenieren und so zu seinen deutschen Anfängen auf den Werkstattbühnen und in den Zeltarenen zurückkehrt, hat er nun einen Zwischenstop in der Berliner Schaubühne eingelegt.Dort, wo man längst ein offenes Haus ohne Regiehüter führt, wollte er ein wenig nach dem Rechten zu sehen.So feiert man ihn demonstrativ am Ende der zum Glück kurzen Drapierung halbnackter Herren und Damen beim gleichzeitigen Absingen von Schostakowitsch-Liedern, die da als "Der nackte Michelangelo" firmiert.

George was here und das ist Fest genug.Hat der große alte Mann doch mit seinem Namen eine Produktion veredelt, die sonst auf einer Modenschau besser zu Hause gewesen wäre.Denn über den Zustand des schönen Bildes, prätentiös und dekorativ sich selbst genügend, kommt dieses tanztheatralisch sich spreizende Unternehmen, bei dem Dmitri Schostakowitschs späte, spröde, ausgedünnt resignative Michelangelo-Suite nicht nur gesungen, sondern auch tänzerisch möbliert wurde, nicht hinaus.Vor der Negativzeichnung eines Torsos, im perspektivischen Fluchtlinien-Triangel von Dietrich von Grebmer zu einer Art von Triptychon plaziert, defilieren propere Jünglinge im Wickelrock, kalkig gepinselt, das Haar freischwingend oder gelgeformt, und ebensolche barbusige Damen, bedeutungsschwanger stierend und einherschreitend.

Allerdings sind diese nur Staffage für Matteo de Monti, einen trocken knödelnden Bariton mit Spielambition, und seinen Choreographen und Hauptdarsteller Nummer zwei, Ismael Ivo.Wo Ivo in "Francis Bacon" und "Othello" mit Johannes Kresnik zusammenarbeitete, in eine strenge Form gepreßt, sein Narzißmus gemaßregelt und sein Hang zum Posing unterbunden wurde, da erwies er sich als ausdrucksmächtiger Darsteller von Format.Hier, unter George Taboris begütender Obhut, gibt er dem nackten Affen Zucker.Vom ersten zähnefletschenden und augenrollenden "Däär naackte Mickelanschelooo" bis zum letzten Hinternwackeln ein selbstverliebter Ringelreihen mit albernen Mätzchen.Dann lieber angezogen.

Ismael Ivo hat nichts zu erzählen, genausowenig wie der einförmig vor sich hinbarmende, nicht minder eitle Matteo de Monti.Schostakowitsch und Michelangelo werden nur als große Namen bemüht für ein äußerliches Spektakulum, dem jede geistige Durchdringung abgeht.Tod und Vergänglichkeit, Resignation und Altersmüdheit sind Schlagworte, zu denen nie wirklich etwas gesagt wird.De Monti windet sich aus seinen Kleidern, schiebt den Flügel und seinen unerschütterlich weiterspielende Pianistin Tatjana Blome durch den Raum, während Ismael Ivo auf einem Sofa fährt.Zu den beiden Dante-Texten passiert gar nichts, am Ende legt sich der Sänger in Unterhosen auf ein weißes Linnen und Ivo wickelt wickelt ihn darin ein.Die Figuranten winden sich rückwärts, den von Michelangelo verehrten Torso vom Belvedere imitierend.

Dem Abend fehlt, worum Michelangelo und auch Schostakowitsch ein ganzes Künstlerleben lang sich mühten: Wahrheit.Das um Schönheit und Leiblichkeit, um verlorene Jugend und sublimierte Erotik ringende Universalgenie (dessen wundervolle, oft kantig verquälte Sonette nicht umsonst viele kreative Geister aktivierte, von Rilke bis Hugo Wolf, Britten und Dallapiccola), die Projektionen des verfolgten, mißbrauchten, in die innere Emigration abtauchenden Komponisten, beide mit ihrer Zeit und ihren politischen Herrschern in Unfrieden, sie sind reduziert auf einen nicht mehr jungen Herren im Leinenanzug mit Sonnenbrille, der sich später die Augen verbinden läßt, zwischen den Tänzern torkelt, stöhnt und singt und sein schwarzes Alter Ego, welches ihm Aufmerksamkeit erheischend hinterherscharwenzelt.

Man muß ja nicht wie der in "Agonie und Ekstase" wild Jüngste Gerichte am laufenden Meter pinselnde Charlton Heston einem Geniekult à la Hollywood frönen, einsam und verkannt, manisch depressiv, aber zähnemalmend von kreativen Schocks durchrüttelt - ein weniger mehr Inhalt hätte man dem faden Treiben aber schon gewünscht.Oder wenigstens originelle Bildfindungen.Wo Schostakowitsch und Michelangelo in seltsamer Verwandtheit über die Jahrhunderte hinweg mit den gleichen Problemen ringen, sich reduzieren in ihrer Farbpalette, schroff, grob und verschlossen wurden, sind Ivo und de Monti nur redundant - obwohl sie nichts zu sagen haben.

wieder am 23., 26., 27., 30, Juni und bis 11.Juli, jeweils 20 Uhr.

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