Kultur : Selbstversuch im Schneesturm

Anna Kemper

Joseph Mallord William Turner scheute keine Risiken. Für mehrere Stunden ließ er sich Odysseus-gleich an den Mast eines Schiffes binden, um während eines Schneesturms vom Deck aus das Naturschauspiel zu beobachten. Die Anekdote zeigt Turners Begeisterung für die Kraft der Elemente und die Besessenheit, sie künstlerisch wiederzugeben. In einer ersten umfassenden Retrospektive in Deutschland zeigt das Essener Folkwang Museum zum 150. Todestag Turners 203 Werke des wohl bedeutendsten britischen Malers.

Die Erhabenheit der Natur, die er in seinen idealisierten Berglandschaften, seinen tosenden Fluten und verheerenden Feuersbrünsten verklärt, fesselte Turner ein Leben lang. Bereits als junger Künstler hatte er sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, den Status der Landschaftsmalerei zu sichern, und er sah sich dabei in einer geraden Linie mit den Klassizisten des 17. Jahrhunderts. Besonders Claude Lorrains Einfluss ist in seinem Werk allgegenwärtig. Dessen "Seehafen mit der Einschiffung der Königin von Saba" hatte Turners Ehrgeiz geweckt, etwas Ebenbürtiges zu schaffen, und in dem Gemälde "Der Untergang des Karthagischen Reichs" übernahm er 1817 das für Lorrain so typische Hafenmotiv: Eingerahmt von klassischer Architektur eröffnet sich ein freier Blick über einen bevölkerten Platz im Vordergrund hinweg über den Hafen auf einen Horizont mit sinkender Sonne. Mit seinem "Untergang" - davon war er überzeugt - hatte er sich auf eine Stufe mit Lorrain gestellt, und so äußerte er in seinem Testament den Wunsch, es möge in der National Gallery neben zwei Werken Lorrains Platz finden.

Heute hängt es, wie die meisten Werke Turners, in der Tate Gallery. Mit dem Kurator Andrew Wilton, dem Turner-Experten der Tate, konnte das Folkwang Museum neben den Londoner Museen auch britische Privatsammler zu Leihgaben bewegen. Zusammen mit Bildern aus Australien und Südafrika, Neuseeland und den USA gibt die Essener Ausstellung einen einzigartigen Überblick über das Lebenswerk Turners. Seine zwei herausragenden Spätwerke, "Regen, Dampf und Geschwindigkeit" und "Die letzte Fahrt der Temeraire", sind allerdings nicht in Essen zu sehen: Sie werden von der National beziehungsweise der Tate Gallery nicht mehr ausgeliehen.

1802 bereiste Turner erstmals das europäische Festland. Über Paris kam er in die Schweiz und entdeckte in den Alpen eine ihn faszinierende Landschaft. Noch lange nach seiner Rückkehr nach England dienten ihm diese Studien und Skizzen als Grundlage für Gemälde. Die Natur erscheint als Urgewalt: Weißgraue Schneemassen reißen Felsbrocken den Berg hinab, Schneestürme verdunkeln die Sonne, in deren fahlem Licht selbst Helden wie Jason, Hannibal oder Napoleon verloren der übermächtigen Wucht gegenüberstehen. Sie vermitteln bis heute den Eindruck der Machtlosigkeit des Menschen gegenüber der Natur. Später manifestierte sich Turners Begeisterung für die Schweizer Berglandschaft fast ausschließlich in Aquarellen: transzendental anmutende Visionen von Bergen und Seen, die erst durch schwungvoll wirbelnd gestaltete Zwischenräume in ihren Formen sichtbar werden.

Für seine Zeitgenossen wirkten Turners Bilder unfertig: "Seifenlauge mit Tünche" nannte die Presse sein Schneesturm-Bild und spottete über den egozentrischen Maler, der bei Ausstellungen in der Royal Academy oftmals erst kurz vor der Eröffnung die bereits aufgehängten Gemälde fertigmalte. Heute jedoch scheint der rückwärtsgewandte Turner seiner Zeit paradoxerweise weit voraus: Er gilt als Wegbereiter der Impressionisten, die das strahlende Licht seiner Bilder bewunderten, obgleich er sich auch hierin an dem längst überholten Vorbild Lorrain orientierte. Turner hatte dessen Fähigkeit erkannt, die Sonne zu malen, sie gleichzeitig als Lichtquelle für das ganze Bild zu nutzen und durch ihr Licht die Komposition zu vereinen. In seinen späten Werken, die, so Wilton, "wie im Fieberwahn" entstanden, löst Turners Licht die Formen immer weiter auf und überstrahlt die Details, beinahe alles Gegenständliche ist verschwunden.

Wegbereiter der Moderne oder nicht: Turners Marketing-Strategien jedenfalls waren fortschrittlich. Zu seinen wenigen Anhängern gehörten reiche Kunstmäzene, die seine Bilder sammelten; er verkaufte seine Werke in einer eigenen Galerie und ließ sie durch angestellte Kupferstecher verbreiten. Sein Geld investierte er klug in Wertpapieren und Grundbesitz, und bei seinem Tod im Dezember 1851 vermachte er seiner Familie ein gehöriges Vermögen - der künstlerische Nachlass jedoch ging vollständig an die National Gallery.

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