Kultur : Selbstversuch mit Publikum

Julia Roberts spielt „Voll frontal“: Steven Soderberghs Experimentalfilm

Christiane Peitz

Erzähl mir was. Also, das war so. Nein, fangen wir lieber anders an. Oder noch anders. Keine Ahnung, wer das versteht.

Dass wir Menschen uns verständigen können, grenzt an ein Wunder. Wer redet schon konzis und spricht seine Sätze korrekt zu Ende? Sind wir nicht fahrig, unaufmerksam, unkonzentriert? Trotzdem kommunizieren wir miteinander – und trotzdem versteht man Steven Soderberghs jüngsten Film. Was heißt Film: „Full Frontal“ verschachtelt einen Film in einen Film in einen Film, auf diversen, zwischen Video- und Kinobildern changierenden Erzählebenen. Kryptische Szenen wechseln mit elliptischen Episoden und münden in ein, zwei, drei lose Enden. Ein Vexierspiel über das Kino. Und ein Verwirrspiel über die Kunst und Krux menschlicher Verständigung. Wie entsteht eine Geschichte, wie entsteht Sinn im Strom der Assoziationen? Soderbergh widmet dieser Frage ein echtes Experiment, mit Mini-Budget, winzigem Team, Videokamera und selbstgebastelten Dogma-Regeln: Für Garderobe, Maske und Anfahrt mussten die Schauspieler selbst sorgen – sogar Julia Roberts.

Also, erzähl mir was. Einen Tag und eine Nacht in Los Angeles zum Beispiel. Julia Roberts spielt die Kino-Diva Francesca (blond!), die Catherine (mit dunkler Perücke) spielt, eine Gesellschaftsreporterin, die Nicholas interviewt, einen aufstrebenden schwarzen Hollywoodstar, der von Calvin gespielt wird, den Blair Underwood darstellt. Calvin hat eine Affäre mit Lee (Catherine Keener), einer tyrannischen Personalchefin, die ihre Angestellten in quälende Interviews samt Ballspielen verwickelt – um jene daraufhin zu entlassen. Eigentlich ist Lee mit Carl (David Hyde Pierce) liiert, dem Journalisten, der Drehbücher schreibt, Albträume träumt und seinen Job verliert. Lees Schwester (Mary McCormack) massiert Menschen im Hotel, lernt dabei den Produzenten Gus (David Duchovny) kennen und freut sich auf ihr blind date mit einer Internetbekanntschaft – einem Typen, der ein Theaterstück über Hitler probt. Abends treffen sich alle bei der Geburtstagsparty von Gus – nur Gus kommt nicht. Ach ja, und Brad Pitt spielt sich selbst.

Man könnte auch sagen: „Full Frontal“ (der dämliche deutsche Titel lautet „Voll frontal“) ist ein Film über das Unglück der Liebe und das Überleben dieses Unglücks. Fast ausnahmslos lieben sich hier immer die Falschen. Man trifft sich und verpasst einander, nimmt Kontakt auf und hat sich gründlich missverstanden. Das Leben ist ein blind date – mit inneren Monologen aus dem Off, die die Verwirrung noch steigern. Der Rest ist Fantasie: Wann durchschauen wir Soderberghs labyrinthische Versuchsanordnung, wann vergessen wir sie? Wann verwandelt sich die virtuelle Kopfgeburt in eine virtuose Herzensangelegenheit? Selbstversuch mit Publikum: Noch grübelt man über die Erzählebenen und ist schließlich doch bewegt, ja gerührt. Und sei es ganz am Ende, wenn Lee und Carl sich am Morgen danach erschöpft und verzweifelt aneinander klammern.

Schon komisch. Man besichtigt lauter Posen, die ihre Künstlichkeit kein bisschen verhehlen, und stellt sich Emotionen vor. Man betrachtet einen hoch stilisierten Pseudo-Dokumentarfilm und fantasiert sich die Fiktion einfach herbei. Romantik muss sein, nach dem Motto: Effekte sind gut, Affekte sind besser. Aber wie um Himmels willen gelingt es dem roten Liebesbrief, mühelos auf allen Erzählebenen zu kursieren? Egal, Hauptsache Liebesbrief. Sie wissen schon, was ich meine.

In Berlin im Central, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cubix Alexanderplatz, Kino in der Kulturbrauerei, Neues Off, Zoo-Palast, Kosmos; OV im CineStar Sony-Center .

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