Kultur : Seliger Moment der Vergebung

Schwelgen in Melodien: Death Cab for Cutie betören mit ihrem Album „Narrow Stairs“

Kai Müller

Er würde Choräle schreiben, wenn er könnte. Oder wenn er zu einer anderen Zeit zur Welt gekommen wäre und nicht als Kind des elektrischen Zeitalters, das ihn, den Katholiken, zu einem Rockmusiker gemacht hat. Obwohl Benjamin Gibbard, geboren 1976 im äußersten Nordosten der USA, nicht wie ein Rockmusiker aussieht. Sein pausbäckiges, verschmitztes Lächeln wird von einer klobigen Hornbrille erdrückt, die Haare fallen ihm schräg ins Kuchengesicht. Eigentlich hat er Ingenieurswissenschaften studiert. Aber dann ist es doch anders gekommen. Denn Gibbard verfügt über ein begnadetes Songwriter-Talent, von dem heute gleich zwei Bands profitieren. The Postal Service ist die eine. Die bekanntere heißt Death Cab for Cutie, benannt nach einem Song aus dem Beatles-Film „Magical Mystery Tour“. Nun erscheint mit „Narrow Stairs“ das achte Studioalbum des Quartetts aus Bellingham, Washington.

Wessen Geistes Kinder Gibbard und seine Mitstreiter sind, enthüllen sie im Auftakt-Song. Da geht es um die berühmte Bixby Bridge, eine geschwungenen Konstruktion des Highway 1 an der kalifornischen Küste, die von Jack Kerouac als Ort der Katharsis verklärt worden ist. 15 Jahre trägt sich Gibbard mit dem Gedanken, dieses literarische Symbol der Läuterung aufzusuchen. Als er schließlich unter der Brücke im ausgetrockneten Flussbett steht, ist die Enttäuschung groß – keine Antworten. Wenn das kein Grund für ein Gebet ist! Aber im Pop gibt es keinen Gott, kein Erbarmen, es sei denn man findet in einer Melodielinie jenes selige Moment, das einem wie Vergebung vorkommt. Death Cab for Cutie stehen dem sehr nahe. Da ist der Multiinstrumentalist Christopher Walla, der auch als Produzent fungiert und Gibbards düstere Verzagtheit in weinende Madonnen-Erscheinungen verwandelt. Am Bass grummelt Nick Harmer, und Schlagzeuger Jason McGerr hat es geschafft, mit seinen vielseitigen, präzisen Beats nicht gleich wieder gefeuert zu werden, wie das seinen zahllosen Vorgängern ergangen ist. Dennoch ist Gibbard die treibende Kraft. Ein Melancholiker, der hymnische Songs über tragische Gestalten schreibt. Wie der Mann, der alleine in einem Doppelbett schläft. Oder das Mädchen, das die Jungs in der Highschool alle angehimmelt haben, das aber seinen Wert nie kennen lernt. Schließlich ist da Gibbard selbst. Er sitzt in „Grapevine Fires“ auf einem Hügel bei L. A. und sieht in der Ferne die Buschbrände lodern. Ein Kind tanzt vor ihm über einen Friedhof. Das sind die Bilder, aus denen Gibbard den Nektar für seine schwelgenden Melodien zieht.

„Narrow Stairs“ ist das Album danach. Für „Plans“, erschienen 2005, heimste die Band überschwängliche Kritiken und eine Grammy-Nominierung ein. Es verkaufte sich eine Million Mal. Und der Pakt mit dem Major-Label schien sich auszuzahlen, nachdem die Band zehn Jahre lang bewiesen hatte, dass sie auch alleine klarkommt. Nun zählen Death Cab for Cutie neben Modest Mouse und The Shins zu den edelsten aller vermeintlichen Außenseiterbands.

R.E.M., die Mutter aller Indie-Bands, hat den Weg vorgezeichnet. Man muss nicht um seine künstlerische Integrität fürchten, nur weil man eingängige Songs schreibt. Und zur Not dreht man einfach mal wieder die Verstärker voll auf und spielt Arrangements, die allen Beteiligten unbehaglich sind. „Narrow Stairs“ ist rockiger als gewohnt, mit bis an die Schmerzgrenze eskalierender Klangdramatik. Aber es finden sich auch Spielereien wie eine indische Beat-Maschine (in „Pity And Fear“), die den Sound ins Albtraumhafte verschiebt. Auch Anleihen beim Schellengebimmel der Sixties sind unüberhörbar. Und schließlich sind da wieder Lieder, die einen hypnotischen Sog entfalten, weil sie eine simple musikalische Idee bis zum Ende ausreizen.

„Narrow Stairs“ ist bei Warner erschienen. Death Cab for Cutie spielen am 11. Juli im Berliner Kesselhaus.

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