Kultur : Selmas Seelen-Strip

INGRID SEIDENFADEN

Macht er Ausflüge ins Reich des Dramas, forscht der schwedische Romancier Per Olov Enquist vornehmlich in den dunklen Schattengründen nordischer Künstler.Nach Strindberg ("Die Nacht der Tribaden") und Hans Christian Andersen ("Aus dem Leben der Regenwürmer") beschäftigt sich sein neues Stück mit der Lebenslüge der großen Erzählerin und Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf (1852 bis 1940): Ihr Vater war ein Säufer, der sich, von der Familie gedeckt, qualvoll in den Tod trank.Und nicht, wie in ihren idyllischen Romanen und Jugendbüchern beschrieben, ein milder, die Seinen umsorgender Gutsherrn-Patriarch.In "Die Bildermacher", von Ingmar Bergman im Vorjahr am Stockholmer Dramaten uraufgeführt, grübelt Enquist dieser inzwischen bekannten obsessiven Verschweigung nach, in der er eine insgeheim schuldhafte Liebesabhängigkeit sieht.Ein sehr nordischer Grabungsbericht.Und ein Psycho-Reißer, an dessen Rändern die Themen vom biographischen Urgrund allen Kunstmachens und von der verräterischen - will sagen: wissenden - Magie der stummen Filmbilder auftauchen.

Enquist erfindet eine fiktiv-dokumentarische Situation mit vier berühmten historischen Personen.1920 in einem Filmschneideraum erwarten der Regisseur Victor Sjöström, sein Kameramann Julius Jaenzon und die junge Schauspielerin Tora Teje die berühmte Nationaldichterin.Selma Lagerlöf will sich Proben ihrer von Sjöström verfilmten Antialkoholiker-Legende "Der Fuhrmann des Todes" ansehen - ein Meilenstein der Filmgeschichte.Da geht es unter anderem um die Liebe einer jungen Heilsarmistin zu einem versoffenen alten Mann, der im Sterben liegt.Eine Doppelbelichtung von Selma und Papa?

Selma rauscht herein.Eine energische, etwas gouvernantenhafte ältere Dame im bodenlangen Straßenkostüm.Die Schauspielerin Rosel Zech gibt ihr die Kontur einer konventionellen Lady, die sich einigermaßen mißtrauisch, mit einem Anflug von harschem Humor, bei den Bohemekünstlern der jungen Filmbranche einfindet.Am Münchner Residenztheater hat Gerd Heinz einen Enthüllungsthriller mit Dialog-Tempo inszeniert, umschattet und umschmeichelt von der nostalgisch ratternden Filmvorführmaschine und den Einblendungen des Originals.Die junge Tora, ein Starlet aus den Slums und selber Tochter eines Säufers, legt sich mit respektloser Kodderschnauze mit der Schriftstellerin an.Und siehe, Selma wird weich, entwickelt so etwas wie Freundschaft für das wilde Geschöpf, auch ein bißchen Neid, nicht selbst so rabiat-radikal gewesen zu sein.Während die Männer - Sjöström schämt sich für sein Gspusi Tora - entweder in Deckung gehen oder, wie der verträumte Bildermacher-Kameramann Jaenzon (Germain Wagner), zur Flasche greifen.Auch Selma, je näher sie ihrer eigenen Wahrheit kommt, zieht schon mal den Flachmann aus der Krokohandtasche.

Das Seelenkratzen, die Geständnis-Dramaturgie, funktioniert erstaunlich gut.Wobei schwer auszumachen ist, ob das Stück, weniger flüssig vom Blatt gespielt und eigenwilliger auf der Suche nach Geist und Geistern der Filmbilder, eine bedeutendere Perspektive hergäbe.Rosel Zech ist eindeutig unterfordert, bewahrt der Selma aber eine Spur von Rätsel und sympathischem Ungeschick.Auch Felix von Manteuffel als Sjöström schlägt sich wacker im Unterspielen, während die temperamentvolle Anna Riedl ein Erotikgeschöpf aus Klein-Hollywood vorführen muß.

Ehrlich, im Grunde ist uns Selma Hekuba.Aber das Publikum hat vermeintlich hinter die Tapete geguckt und applaudierte.Ein Spötter sagte beim Verlassen des Theaters: "Biographische Geschichten sind immer ein Erfolg.Die Leute können sich nicht mehr wehren."

Wieder am 4.und 29.März.

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