Kultur : Selten so gedacht

Alfred und Adrian Brendels sensationelles Berlin-Gastspiel

Frederik Hanssen

Zwei Seelen wohnen ihm in der Brust: Die eine ist erfüllt von den Klängen Haydns und Beethovens, die andere von der Musik Mozarts und Schuberts. Alfred Brendel hat sich in seiner langen Pianistenkarriere auf eine Hand voll Komponisten beschränkt - weil es ihm beim Musikmachen auf die Verfeinerung der Wahrnehmung ankommt. Dass seine Hausgötter (fast) Zeitgenossen waren, ist dabei kein Indiz für Einseitigkeit. Mozart und Schubert einerseits sowie Haydn und Beethoven andererseits verkörpern für Brendel komplementäre ästhetische Grundhaltungen: Während die ersteren „vokal“ denken, arbeiten die letzteren „instrumental“. „Beethoven mauert, selbst wenn er träumt, und Schubert träumt, selbst wenn er ausnahmsweise einmal mauert“, erklärt Brendel in der Interview-Biografie „Ausgerechnet ich“ (Hanser Verlag) den Gegensatz von Tondichtern und Klangarchitekten – und genauso spielt er ihre Werke in der Philharmonie: Bei seinem Beethoven kann man die Stimmverläufe mitzeichnen, so klar und fasslich zeigt er in den „Bagatellen“, wie der Komponist seine Kleinst-Motive aus jeder nur erdenklichen Perspektive beleuchtet, bis sie funkeln wie Edelsteine. Wenn auf diese erhellende Analyse Mozarts a-Moll-Sonate folgt, rollt Brendel die Konstruktionspläne zusammen und wird zum Rezitator, zum Sänger, lässt auf der Tastatur Szenen und Lieder ohne Worte entstehen, im positivsten Sinne werktreu, nie effekthascherisch, sondern ganz aus dem Geist des Rokoko entwickelt, voll feiner Nuancen und Anspielungen.

Auch bei Schubert ist alles Handlung, Erzählung – doch tritt Brendel nun hinaus in die offene Natur: Dort toben die Stürme, da gibt es aber auch die Ruhe auf nächtlichem Feld, einen stillen Seelenfrieden, wie ihn Franz Schubert selber allzu selten fand.

Zu behaupten, man sei aus einem Konzert Alfred Brendels klüger herausgekommen als hineingegangen, ist keineswegs gewagt. Das gilt auch für seinen zweiten Auftritt in dieser Woche in Berlin, bei dem er erstmals mit seinem Cello spielenden Sohn auftrat. In diesen zwei Stunden war mehr über Beethovens künstlerischen Entwicklungsprozess zu erfahren als in manchem musikwissenschaftlichen Hauptseminar. Wie sein Vater ist auch der 1976 geborene Adrian alles andere als ein Show-Virtuose, sein Ton ist klar und präzise wie bei einem klassisch geschulten Redner, im Zweifelsfall verzichtet er lieber auf Schmelz als auf rhetorische Brillanz. Und so entfaltet sich ein konzentrierter Dialog zwischen zwei gebildeten Herren von scharfem Verstand. Ihr Thema: Die vier Gesichter des Ludwig van B.. Da ist der jugendliche Furor von Op.5 mit vielen Licht-Schatten-Wechseln und spannungsreicher Klangdramaturgie, das ist das berauschend perfekte, klassische Ebenmaß von Op.69, da ist der charmante Beethoven der „Zauberflöten“-Variationen und schließlich der große alte Mann, der sich um keine kompositorische Anstandsregel mehr kümmert, frei aber einsam. Aufklärung, das war an diesem umjubelten Abend zu spüren, ist der Austritt des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Schwerhörigkeit.

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