Kultur : Selten stößt man auf größeren Kino-Enthusiasmus als in der kanadischen Metropole

Simone Mahrenholz

Sonnabend morgens um acht hat das Licht bereits High-Noon-Qualitäten in der Stadt am breiten Fluss. Die Menschen stehen gelassen auf dem Trottoir in einer Schlange, die sich um diverse Straßenecken windet. Junge und Ältere mit Campingstuhl warten seit Stunden auf Karten für die 9-Uhr-Vorstellung. Später, wenn das Licht im Kino-Saal aus- und der Film angeht, werden die Menschen die Luft anhalten und eine Stille bilden wie vor einem Konzert, wenn der Dirigent den Taktstock hebt.

Selten stößt man auf größeren Kino-Enthusiasmus als in der kanadischen Metropole der Provinz Québéc, die den Geist Europas mit dem der USA zu vereinen scheint. Für das jährliche "Festival des Films du Monde" haben viele Urlaub genommen und kommen nicht selten auch aus den USA herüber. Bei so viel Begeisterung und angesichts dessen, dass die Presse nach zuletzt herber Kritik heuer dem Wettbewerb wieder ein hohes Niveau attestierte, schmerzte es weniger, dass Nordamerikas einzigem A-Festival mit internationalem Wettbewerb in puncto Anziehungskraft zunehmend von Toronto das Wasser abgegraben wird. Das dortige Festival, direkt auf Montréal folgend, sitzt im kanadischen Zentrum der Film-Industrie. Wer den US-Markt sucht, findet dort das bessere Sprungbrett, und so gehen viele inzwischen lieber zur Konkurrenz-Metropole.

Serge Losique, den umtriebigen und umstrittenen Gründer und Präsidenten des zum 23. Mal ausgerichteten Festivals in Montréal, stört dies nach außen hin wenig. Munter sieht man ihn allmorgendlich im Frühstücksraum des Festival-Hotels auf Kritiker und Produzenten zu eilen und sie bei Eiern mit Speck umarmen. Angesprochen auf die vergleichsweise Abwesenheit von Stars und Glamour, erklärt er lapidar, dass es in Montréal um Entdeckungen gehe und nicht um eine Kopie von Cannes. Und was heißt hier Abwesenheit: Carlos Saura, Ettore Scola, Gérard Depardieu, Carole Bouquet, Richard Dreyfuss, Denzel Washington, Bertrand Tavernier, Patrizia Rozéma gaben sich dieses Jahr die Klinke in die Hand, und die Filmemacher lieben das Festival gerade seiner überschaubaren Größe und Intimität wegen. Hier sind die Pressekonferenzen öffentlich, die Tickets preiswert, und allabendlich lockt gratis Freilichtkino Tausende an. Montréal genießt den Ruf, Toronto kommerziell unterlegen, aber kulturell überlegen zu sein. Man ist stolz darauf, Kunstfilm zu fördern statt industrieller Massenware. Aus 68 Ländern kamen dieses Jahr fast 400 Filme, mit Schwerpunkten Lateinamerika und Irland. Doch auch Filme aus Albanien, Bosnien, Vietnam, Tadschikistan, Kirgisien, Aserbeidschan, Mali oder Singapur finden ihr Publikum - und mittendrin eine Geschichte des deutschen Animationsfilms (Gerd Gockells "Muratti und Sarotti").

Überhaupt: fast entstand der Eindruck, dass man nach Montréal fahren muss, um zu sehen, was bei uns passiert. Unter den 24 gezeigten deutschen Produktionen waren diverse Entdeckungen, im Wettbewerb standen Ottokar Runzes "Der Vulkan", der hier in Kürze anläuft und dessen Schauspielerin Nina Hoss als "beste Hauptdarstellerin" ausgezeichnet wurde, und der Animationsfilm "Just in Time" von der Hannoveranerin Kirsten Winter: er gewann den Kurzfilm-Preis. Mit digitaler Kamera, Computer und Ölfarbe geschaffen, ist der Neunminüter mit Musik von Simon Stockhausen eine künstlerische Phantasie von einer Zug-Reise durch die USA, ein filmisches Gemälde voll mysteriös wirkender Effekte. Die 40 000 Einzelbilder, zum Teil drei-, vierfach bearbeitet, entstanden in zwei Jahren Produktionszeit und erinnern daran, dass Animationsfilm den größten Idealismus verlangt.

In Montréal zu landen hieß, in Berlin anzukommen. Dies galt auch für "Wege in die Nacht" von Andreas Kleinert. Der optisch hoch poetische Schwarzweißfilm mit Hilmar Thate und Cornelia Schmaus zeigt einen Mann, der vor der Wende Macht und Ansehen hatte und ohne Arbeit nun um Würde und Überleben kämpft. Ein weiterer Wettbewerbsbeitrag beginnt in Berlin: "When the dead start singing" des Kroaten Krsto Papic. In der hoch komischen Groteske um zwei Emigranten, die in den 90ern während des Kriegs nach Kroatien zurückkehren, fingiert einer seinen Tod, um die deutsche Pension zu kassieren. Die sehr humane Satire zeigt eine Gesellschaft, in der die politischen Wirren das Unterste zuoberst kehren und Freunde schnell zu Feinden werden.

Viel Interesse fand "Oi Warning" von Dominik und Benjamin Reding, eine optisch furiose Skinhead-Geschichte im Ruhrpott-Milieu. Und Veronica Ferres gab mit John Malkovich ein groteskes Film-Paar ab: in einer brillant albernen Episode von "Ladies Room", der hauptsächlich auf der Damentoilette spielt. Der kanadische Film dominierte das Festival neben dem französischen naturgemäß und zeigte dieses Jahr viel Starkes, aber wenig Herausragendes. Am spannendsten war Cathérine Annauds Dokumentation "French Kiss - la génération du reve Trudeau". In keinem Film erfuhr man mehr über Montréal, diese Stadt, die von den Visionen des damaligen charismatischen Premierministers Pierre Elliott Trudeau geprägt ist: seiner Idee eines vereinten bilingualen und multikulturellen Kanadas. Das auch filmisch mitreißende Porträt von acht Menschen aus der Generation der heute Mittdreißiger zeigte viel von den Traumata der Identitätssuche dieses Landes, von dem Riss, der durch die kanadische Gesellschaft in der Frage um ein unabhängiges Québéc heute mehr denn je geht.

Preisgekrönt wurde neben "La Couleur du paradis" des Iraners Majid Majidi, dessen "Kinder des Himmels" heute in Deutschland anlaufen, auch Carlos Sauras Porträt des alternden Malers "Goya à Bordeaux" - eine bildschöne, dramaturgisch etwas einförmige artistische Studie, die uns mit Sicherheit erreichen wird. Insgesamt gilt es dieses Festival zu schützen, das sich alljährlich eigensinnig auf dem amerikanischen Kontinent der Übermacht der US-Kinoindustrie entgegenstellt, auf dass sich das Wort Rainer Werner Fassbinders erfüllen möge: "Montréal erscheint mir als das größte Hoffnungszeichen für die Kultur der westlichen Welt."

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