Kultur : Sensenmann, geh du voran

Richard Strauss’ Oper „Friedenstag“ als großes Freiluftspektakel auf dem Erfurter Domplatz

Frederik Hanssen

Herr der Ringe, Krieg der Sterne, Arena di Verona, Bregenzer Festspiele – beim Erfurter Domstufenfestival kann man in diesem Jahr alles gleichzeitig haben: Intendant Guy Montavon hat Richard Strauss’ „Friedenstag“ inszeniert und alles dafür getan, um das selten gespielte Werk von 1938 auch unters Volk zu bringen. Immerhin müssen 2300 Plätze auf der Zuschauertribüne vor der prachtvollen Kulisse des Petersbergs allabendlich gefüllt werden. Darum durfte Hank Irwin Kittel bei seinen Kostümentwürfen alle aktuellen Kinokassenfüller frech verwursten: Man kreuzt die Laserschwerter, Kunstnebel wabern, elektronisch gesteuerte Flakscheinwerfer rotieren, die Pyrotechniker haben ganze Arbeit geleistet.

Ein Greis mit Rauschebart à la Gandalf wurde als stumme Rolle dazuerfunden, die Soldateska wankt in mittelalterlichen Kampfanzügen über die Freitreppe, die zum Dom und der benachbarten St.Severin-Kirche hinaufführt. Wie in Bregenz werden Riesensymbole auf die Szene gewuchtet. Gespielt wird das Drama aus den letzten Tagen des Dreißigjährigen Krieges – im Wortsinn auf Messers Schneide: Statt Bühnenbrettern haben die Sänger die Schnittfläche einer gigantischen Sense unter den Füßen.

Mit der Ernsthaftigkeit von Stefan Zweigs Vorlage hat die effektvolle Erfurter Freiluftaufführung nur wenig zu tun. Von der großartigen Kulisse (und dem Zwang zum Kassenerfolg) hat sich Montavon zu einem populären Spektakelarrangement hinreißen lassen, das in seinen besten Momenten echte Cinemascope-Wirkung entfaltet. Vor dem Hintergrund der traumatischen Erlebnisse des Ersten Weltkriegs thematisiert das Libretto (das Joseph Gregor nach Zweigs Emigration fertigstellte) den Zwiespalt eines Kommandanten, der trotz der feindlichen Übermacht seine Festung unter keinen Umständen aufgeben will. Konfliktsituationen, in denen Menschen zwischen persönlichen Interessen und Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft abwägen müssen, beschäftigten in den Jahren nach 1918 nicht nur Zweig, sondern auch Georg Kaiser („Die Bürger von Calais“) oder Brecht („Die Maßnahme“).

Nicht nur der dominanten Optik wegen bekommt man von den Feinheiten des Librettos wenig mit – auch die Tonanlage ist alles andere als ausgereift. Walter E. Gugerbauer koordiniert das seitlich sitzende Orchester und die bis zu 100 Meter entfernt stehenden Sänger zwar bewunderungswürdig, was vom edlen Strauss’schen OrchesterKlangteppich durch die Boxen dringt, klingt aber eher nach einer Mono-Schallplatte. Die Stimmen kommen besser zur Geltung, vor allem der jugendlich strahlende Sopran von Kelly God, die als friedenssehnsüchtige Kommandanten-Gattin wie eine Lichtgestalt das apokalyptische Szenario durchschreitet.

Direkt hinterm Dom wird derzeit übrigens letzte Hand an das neue Theater Erfurt gelegt. Der erste Bühnen-Neubau in den Neuen Ländern, ein 60 Millionen Euro teurer Entwurf des Hamburger Architekturbüros Friedrich&Partner, soll am 14.September eröffnet werden. Nicht, wie sonst üblich, mit Richard Wagners „Meistersingern“, sondern mit der Uraufführung einer Oper des Berliner Komponisten Peter Aderhold, die das Leben jenes Mannes in den Mittelpunkt stellt, der ab 1507 in Erfurt studiert und gepredigt hat: Martin Luther.

„Friedenstag“, bis 20. Juli. Infos im Internet: www.domstufen.de ,Tickets: 0361/2233155 .

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