Kultur : Sensible Narben

Vier Jahre nach den Anschlägen: 9/11 und die New Yorker Kulturszene

Matthias B. Krause

New York, 10. September. Der Lauf der Pistole zielt direkt an den Kopf von Präsident George W., der Abzug ist gespannt, zum Auslösen reicht eine millimeterkleine Bewegung. „Patriot Act“ heißt das Bild, benannt nach dem Gesetz, das seit vier Jahren die Bürgerrechte in Amerika einschränkt. Die Ausstellung „A Knock on the Door“ (Ein Klopfen an der Tür) nimmt kein Blatt vor den Mund. Es sei notwendig, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Einschränkung persönlicher Freiheiten zu lenken, schreibt Kurator Seth Cameron vom Lower Manhattan Cultural Council (LMCC). Mittlerweile sei das Auftauchen des Secret Service praktisch garantiert, sobald Kunst mit einem politischen Inhalt gezeigt werde.

Dann komme wenigstens überhaupt jemand zur Ausstellung, ätzte das New Yorker Boulevardblatt „Daily News“ zur Eröffnung am 8. September. Es regte sich im Chor mit seinem konservativen Konkurrenten „New York Post“ darüber auf, dass die „Geschmacklosigkeiten“ zum vierten Jahrestag der Anschläge vom 11. September gezeigt werden – nur wenige Blocks vom Ground Zero entfernt. „Wir wollen niemanden vor den Kopf stoßen“, verteidigt sich LMCC-Präsident Tom Healy, „es geht uns um eine Ergründung von Fragen der Sicherheit und des Patriotismus in unserer post-9/11-Umwelt“. Die Show ist Teil des kulturellen Gipfels „What Comes After: Cities, Art and Recovery“, das sich damit beschäftigt, wie Beirut, Sarajevo, Phnom Penh – und eben New York – den Terror verarbeiten, der ihnen widerfuhr.

Andere gehen mit dem Thema weniger konfrontativ um. Arthur C. Danto, emeritierter Philosophie-Professor der Columbia-Universität und Kunstkritiker der Zeitschrift „The Nation“ hat für „apexart“ in Manhattan „The Art of 9/11“ zusammengestellt. Dort zeigen Künstler wie Audrey Flack oder Lucio Pozzi ihre Reaktion auf die Nachricht von den Anschlägen, die das World Trade Center zum Einsturz brachten und knapp 3000 Menschen das Leben kosteten. Weil ihre Hilfe am Ground Zero nicht gebraucht war, machte Flack sich in die andere Richtung auf und malte an der äußersten Ostspitze Long Islands Fischerboote. Pozzi holte ein altes Landschaftsaquarell von sich hervor und kopierte es.

„Ich dachte damals, wenn ich je eine 9/11-Ausstellung mache, dann will ich beide, Lucio’s Aquarelle und Audrey’s Fischerboote, obwohl sie aussehen, als ob sie mit dem Thema nichts zu tun haben“, schreibt Danto, „aber es ist wie ein religiöses Ritual. Man muss den Geist begreifen, in dem sie entstanden, um ihre kulturelle Bedeutung zu verstehen.“ Die beiden konträren Ausstellungen zum vierten Jahrestag sind exemplarisch für den Gefühlszustand der Stadt. Einerseits hat die Normalisierung des Gedenkens eingesetzt. Der 11. September ist mittlerweile Bestandteil der Geschichtsbücher in den Schulen, die National Football League eröffnet an diesem Tag die Saison und das Mitgefühl mit den Opfern des Hurrikans „Katrina“ schiebt sich über das Gedenken an die World Trade Center-Toten.

Doch sind die Narben immer noch höchst sensibel. So muss der Lower Manhattan Cultural Council jetzt befürchten, dass er bei der Vergabe der Kulturflächen am Ground Zero leer ausgeht. Angehörige der 9/11-Opfer rufen nach Verbannung der furchtlosen Kunstmacher, und wichtige Politiker wie der Gouverneur des Bundesstaates New York, George Pataki, haben sich ihnen bereits angeschlossen.

Bürgermeister Michael Bloomberg hält sich aus der hitzigen Diskussion dezent heraus, er konzentriert sich auf seine Wiederwahl, die im November ansteht. Derweil geht es am Ground Zero viel langsamer voran, als eigentlich geplant. Seit mehr als einem Jahr liegt der Grundstein für den „Freedom Tower“ unberührt in der Grube, der Turmbau wird sich um wenigstens zwölf Monate verschieben. Immerhin gilt der Wiederaufbau Lower Manhattans als so beispielhaft, dass die Planer des überfluteten New Orleans bereits ihre Kollegen in New York um Rat baten.

Die Verantwortlichen in Louisiana und Mississippi können noch etwas anderes von New York lernen: Es wird nie wieder ganz so werden, wie es einmal war, soviel Mühe man sich auch gibt. Eine Umfrage bestätigt, dass die Mehrheit der Amerikaner der Meinung ist, weder ihr Land noch ihr persönliches Leben sei wieder so wie vor dem 11. September 2001. Nur ein Drittel glaubt noch daran, dass sie zur alten Normalität zurückkehren. Vor zwei Jahren waren es noch 40 Prozent.

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