Kultur : Sergej muss sterben

Kleine Geschichte der anderen Zeit: „Die Gerechten“ von Camus im Berliner Studiotheater bat

Christoph Funke

Kann Mord das letzte Mittel sein, Gerechtigkeit zu erzwingen? Albert Camus führt in seinem fünfaktigen Schauspiel „Die Gerechten“ (Uraufführung Dezember 1949 in Paris) eine hitzige Debatte über den Sinn und die ethischen Konsequenzen des Terrors. Der Dramatiker nutzt dabei ein geschichtliches Ereignis – das Attentat auf den russischen Großfürsten Sergej im Jahre 1905 durch eine Gruppe von Sozialrevolutionären. Dieser Tatsache folgend, schildert Camus mit detailbesessener Exaktheit die Vorbereitung, den Vollzug und die Folgen des Bombenwurfs auf einen Repräsentanten der zaristischen Selbstherrschaft. Aber es geht ihm dabei weniger um eine aktionsgesättigte Handlung als um die Widerspiegelung aller Phasen des Terroraktes in den Gedanken, Haltungen und Entscheidungen der Terroristen selbst.

Grundsätzlich zur blutigen Tat entschlossen, treibt die Sozialrevolutionäre die Frage um, welche Mittel zur Beseitigung des Unrechts angewandt werden dürfen. Rechtfertigt ein fernes, ungewisses, möglicherweise unerreichbares Reich der Freiheit und Gerechtigkeit auch Grausamkeit gegen Kinder? Gibt es Grenzen für das sorgfältig geplante Morden? Sie finden eine Antwort, die ihr eigenes Glück rücksichtslos zerstört: Wer zum Terror bereit ist und Terror anwendet, hat das Recht auf Leben verwirkt. Allein der Opfertod reinigt von Schuld.

Die brennende Aktualität dieser Fragestellung versteht sich von selbst. Dennoch inszenierte Walter Meierjohann „Die Gerechten“ (in einer rigoros gestrichenen Fassung) mit Studenten des 3. Studienjahres der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ im Studiotheater bat, ohne den heutigen Bezug des Schauspiels vordergründig herauszuarbeiten. Die „andere Zeit“ wird nicht nur im Kostüm (Petra Schlüter-Wilke), sondern auch durch die besondere Art der Erkenntnis-Suche betont. In einem hermetisch geschlossenen Raum, einem weißen Kasten, der nur bis zu halber Höhe für die Zuschauer geöffnet ist (Bühne Steffi Wurster) gibt es eine bürgerlich gesittete Auseinandersetzung, das Überlegende überwiegt, auch wenn in Momenten die Leidenschaft hochschlägt bis zur harten köperlichen Auseinandersetzung. Der schallschluckende, fast leere Raum macht es den Studenten nicht leicht, dem geistigen Ringen Spannung zu geben. Dennoch werden grundsätzliche Unterschiede im Zugang zum Terror klug und sensibel erfasst, besonders von Marco Matthes (Kaliajew) und Christian Boermann (Fjodorow): Die gefühlsbetonte Reife des zum Bombenwurf Auserkorenen reibt sich bis zur Feindseligkeit an der nervösen Härte des kompromisslosesten Terroristen. Catherine Janke spielt die Bombenbauerin Dora spröde, verschlossen, beherrscht und macht zugleich die Anstrengung deutlich, Liebe zu opfern für revolutionäre Disziplin.

Mit dem vierten Akt des Schauspiels, der im Gefängnis spielt, wandelt sich das Bühnenbild. Jetzt sitzen die Zuschauer auf der weißen Spielfläche mit Blick in den durch eine Glaswand abgetrennten Zuschauerraum. Das Fremde, Abgeschlossene, Unzugängliche wird betont, sinnliche Vorgänge ergeben sich vor und hinter der Glaswand nicht mehr, und eine noch immer beherrscht geführte Auseinandersetzung drängt den Gefühlssturm zurück. Von den Studenten wird das in knapp zwei Stunden Spielzeit bemerkenswert gemeistert.

Wieder am 25. und 31. Januar, am 1. sowie vom 12. bis 15. Februar jeweils 20 Uhr.

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