Sergio Bizzio : Die Liebe eines Mörders

Sergio Bizzio erzählt in seinem Roman "Stille Wut" vom Dienen und Aufbegehren: Ein beklemmendes Kammerspiel in der personalen Erzählweise.

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Als im Sommer der Film „La Nana – Die Perle“ des jungen chilenischen Regisseurs Sebastián Silva in die deutschen Kinos kam, bezauberte sein grimmiger Witz das Publikum. Der Film wurde mit der Handkamera beinahe ausschließlich in einer Villa in Santiago de Chile gedreht, dem Reich der Hausangestellten Raquel (Catalina Saavedra). Die verhärmte Junggesellin Anfang vierzig hat kein Privatleben, sondern opfert sich für die kinderreichen Herrschaften auf. Jedes Rufen, jedes Klopfen kann eine neue Aufgabe bedeuten. Als sich ihr Gesundheitszustand rapide verschlechtert, will „ihre“ Familie eine Hilfe für sie einstellen. Das aber weiß Raquel mit allen Tricks und Gemeinheiten zu verhindern.

Sergio Bizzios Roman „Stille Wut“ („Rabia“) wirkt wie eine düstere argentinische Kontrafaktur zu „La Nana“. Auch die 25-jährige Hausangestellte Rosa ist ihren Arbeitgebern, Herrn und Frau Blinder, stets zu Diensten. Im Supermarkt lernt sie eines Tages den Bauarbeiter José María kennen. Ab da verbindet die beiden ein unheimliches Schicksal. Schnell und sehnig wie ein Raubtier, wird der 40-Jährige wegen seiner schlanken Gestalt und der dichten langen Wimpern allgemein María genannt. Nachdem die offenherzige Rosa und ihr wortkarger bis verschlagener Liebhaber monatelang einen Großteil ihres knappen Salärs für Schäferstündchen im Hotel aufbringen müssen, sind sie überglücklich, als die Blinders auf Reisen gehen. Selbstredend darf Rosa niemandem Zutritt zur Villa gewähren, deren labyrinthische Zimmerflucht sich über vier Etagen erstreckt – allein in der Mansarde wird María sieben Schlafzimmer zählen. Doch das Paar missachtet alle Verbote.

Als die Hausbesitzer überraschend früher zurückkehren, muss sich María verstecken. Seine Freundin nimmt an, dass er heimlich die Villa verlassen hat. Doch sie täuscht sich, und ab diesem Moment wird aus Bizzios stark dialogischem Roman ein beklemmendes Kammerspiel in der personalen Erzählweise. Bizzio schlüpft in die entlegensten Hirnwindungen seines solipsistischen Helden, der sich unbemerkt in der Mansarde einquartiert. „Den Vorarbeiter hatte María ohne Wut getötet“, heißt es in der Rückschau über den ersten Mord, den er begangen hat. Weitere werden folgen, denn María überwacht die ahnungslose Rosa, indem er ihr hinterherschleicht und sich über ein zweites, weitgehend ungenutztes Telefon regelmäßig bei ihr meldet. Als der missratene Sohn des Hauses, ein Alkoholiker, den Besitzanspruch der herrschenden Klasse allzu wörtlich nimmt und Rosa vergewaltigt, schlägt der ungebetene Gast aus dem Hinterhalt zu.

Offenbar hält María Rosa für zu labil, um sie einzuweihen. Durch die Einsamkeit und erzwungene sexuelle Enthaltsamkeit verändert er sich. Er wird zu einer Art heiligem Mörder, der selbst Rosas Schwangerschaft, die er nicht verursacht hat, zu akzeptieren lernt: „Seine Verehrung für sie war so groß, dass er zum Mystiker geworden war, damit er ihre Existenz leugnen konnte, ohne daran zugrunde zu gehen.“ Spätestens als sich María heimlich mit dem kleinen Sohn seiner ausweglosen Liebe anfreundet, fragt man sich allerdings, wie er das Kunststück vollbringt, niemals von den anderen Hausbewohnern gehört zu werden.

Bizzio wurde 1956 in Villa Ramallo geboren und lebt heute in Buenos Aires. Mit „Stille Wut“ legt er einen in seiner Heimat mehrfach prämiierten Roman vor, in dem sich stilistische Eleganz und atemlose Spannung die Waage halten. Zugleich zeichnet er ein bitter realistisches Sittenbild der argentinischen Gesellschaft: Die Reichen verschanzen sich vor den den Karton- und Lumpensammlern, „Cartoneros“ genannt. Sebastián Corderos Verfilmung des Romans soll demnächst auch in Europa zu sehen sein.

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