Kultur : Sergio Ramirez: Das gebrochene Versprechen

Torsten Hampel

Was denn der Unterschied sei zwischen Kuba und Nicaragua, wurde er gegen Ende des Abends gefragt, und Sergio Ramirez sagte: "Kuba ist eine Insel." Das Wasser, die flüssige Dämmmasse, konserviert eine Gesellschaft und konserviert auch eine Revolution. Seine, die Revolution des Schriftstellers Sergio Ramirez, einstiger Sandinist und von 1984 bis 1990 nicaraguanischer Vizepräsident, zweiter Mann im Staat neben Daniel Ortega, seine Revolution ist vorüber.

West-Berlin war auch einmal eine Insel, aber eine mit Fernsehanschluss. Ramirez, der am Dienstagabend auf dem Podium im Berliner Haus der Kulturen der Welt seinem hiesigen Publikum gegenübersitzt, kennt die Stadt. Mitte der siebziger Jahre schrieb er hier einen Roman. Heute liest er aus seinem neuen Buch "Adios Muchachos" und stellt sich den Fragen des Tagesspiegel-Kritikers Helmut Böttiger. Dieser fragt nach der Sicht des Wieder-nur-Schriftstellers auf die Zeit als Revolutionär und Politiker, nach Fehlern und verpassten Chancen. Ramirez musste nicht extra anreisen. Er hat in diesem Semester die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität inne, die vom Fischer-Verlag, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck eingerichtet wurde. "Adios Muchachos" erzählt die autobiografische Geschichte des Autors, der an einem Dezemberabend 1974 vor dem Essen noch rasch die Tagesschau anstellt und, während es vor seinem Fenster schneit, auf dem Fernsehschirm die Königspalmen daheim in Managua erkennt. Sandinistische Guerilleros haben einen Empfang des US-amerikanischen Botschafters gestürmt, Geiseln genommen. Ihr erster Erfolg, denkt er beim Schauen; und fasst den Entschluss, fortan mitzukämpfen gegen die Somoza-Diktatur. Der Roman erzählt vom Sieg und vom Brechen des größten Revolutionsversprechens danach. Davon, dass Ideologie über Vertrauen siegte und die Sandinisten enteignetes Land nicht den Campesinos gegeben, sondern es Kooperativen zugeschlagen haben.

Gefragt, was ihn vom Schriftsteller Mario Vargas Llosa unterscheide, der mit neoliberalen Ideen einmal für das Präsidentenamt in Peru kandidiert hatte, sagt der von der Revolution enttäuschte Ramirez: "Ich halte nichts vom Glauben an den Staat als Problemlöser, aber genauso wenig glaube ich an das Märchen vom Markt, der alles richten wird."

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