Serie: Kultur und Flüchtlinge : Der verwaltete Dialog

In der Konsensgesellschaft geht es nicht um Austausch, das zeigt der Umgang mit Flüchtlingen. Bernd Scherer, Leiter des Hauses der Kulturen der Welt, fordert eine neue Dialogkultur.

Bernd Scherer
Nahrung für die Seele. Arabisches Lebensmittelgeschäft und katholische Stadtkirche in Sigmaringen, Baden-Württemberg.
Nahrung für die Seele. Arabisches Lebensmittelgeschäft und katholische Stadtkirche in Sigmaringen, Baden-Württemberg.Foto: dpa

Vor einigen Tagen traf ich syrische Geflüchtete beim Abendessen. Neben mir saß ein Arzt, der vor einem Jahr nach Deutschland gekommen ist. Wir kamen ins Gespräch über seine Situation. „Das Schlimme ist“, bemerkte er, „dass ich als ein Mensch zweiter Klasse behandelt werde.“ Er fühlt sich von den Behörden hin- und hergeschoben. Es werde zwar immer zum Dialog aufgerufen, aber ein wirklicher Austausch finde nicht statt, weil die Lösungen für alle Probleme, die zur Sprache gebracht werden könnten, doch immer nur in der Hand der deutschen Seite lägen. Gerade die Verwendung des Wortes Dialog erinnere ihn dabei in fataler Weise an die Situation in Syrien. Da habe Assad anfänglich der Opposition auch immer Dialoge angeboten, ohne dass sich etwas Grundsätzliches verändert hätte – bis dann die Situation völlig eskalierte.

Damit traf der syrische Arzt ein Kernproblem unserer politischen Kultur, das sich durch die Ankunft der Geflüchteten, Menschen mit ganz anderen Erfahrungen und Wissensbeständen, noch verstärkt. Der Begriff des Dialogs wurde durch seine inflationäre politische Verwendung in den letzten Jahren und Jahrzehnten so konterkariert, dass er bestenfalls nichts- sagend ist, häufig genug aber sogar zur impliziten Rückweisung alternativer Positionen missbraucht wird.

"Auf Augenhöhe sprechen" - die Formulierung bringt Asymetrie erst hervor

Besonders prägnant wird dies an der Verwendung des Ausdrucks „einen Dialog auf Augenhöhe führen“, der oft in sogenannten Nord-Süd-Verhandlungen gebraucht wird. Hier ist die Redewendung besonders perfide, denn wenn sie benutzt wird, liegt nicht nur de facto eine Macht-Asymmetrie vor, sie wird durch diese Formulierung erst hervorgebracht. Derjenige, der dies behauptet, sagt aus, dass er den anderen auf der Höhe seiner Augen sieht, sprich, er selbst gibt die gewünschte Höhe, die Messlatte vor und ist somit die Bewertungsinstanz für den anderen. Vorgeblich wird die Formel explizit benutzt, um Gleichheit zwischen den Sprechenden herzustellen. Implizit ist es ein Machtgestus. Der Dialogbegriff wird verwendet, um vorgespielte Gleichheit zu suggerieren. In dieser Form ist er Bestandteil einer politischen Art von Konsenskultur, die es nicht mehr als ihre Aufgabe ansieht, den Konsens herzustellen, sondern ihn einfach behauptet.

Damit wird die ursprüngliche, klassische Bedeutung des Dialogs pervertiert: Dialoge wurden immer dann wichtig und relevant, wenn Dissens artikuliert werden sollte, wenn unterschiedliche Perspektiven, Meinungen zur selben Sache geäußert wurden. Der Dialog diente nicht dazu, Gleichheit zu behaupten, sondern Differenz zum Ausdruck zu bringen. Darin bestand sein politischer Wert.

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