Serie zu den Dahlemer Museen : Spiritualität als Balanceakt

Abschied von Dahlem (7): Auf dem Buli-Hocker aus dem Kongo wurde das Sitzen zur symbolischen Geste.

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Karyatiden-Hocker des Buli-Volkes.
Karyatiden-Hocker des Buli-Volkes.Foto: Mike Wolff

In den Dahlemer Museen schließen sich langsam die Türen. Seit diesem Montag sind weite Bereiche des Museums für Asiatische Kunst, die Ausstellungssäle der Südsee und der nordamerikanischen Indianer geschlossen. Andere Teile der Sammlungen – Mesoamerika, Afrika, die Welten der Muslime – folgen erst 2017. Eine Epoche endet, die Vorbereitungen für den Umzug ins Humboldt-Forum laufen an. Wir betrachten hier Artefakte, die Dahlem ausmachen – und vor der großen Reise bald aus dem Blickfeld verschwinden.

Ein Herrscher wird auf Fingerspitzen getragen

Ein Hocker als Artefakt, das kennt man aus Kunstgewerbemuseen. Sitzen darf man auf ihren üppigen Barockstühlen oder Freischwingern der Bauhaus-Ära längst nicht mehr: Sie sind zum Anschauen da, viel zu wertvoll für den Gebrauch. Eine ähnliche und doch eigene Geschichte erzählt der hölzerne Karyatidenhocker in Dahlem. Das Exponat aus dem historischen Königreich der Luba – der heutigen Demokratischen Republik Kongo – wurde als Zeichen der Macht nur zu höchsten Zeremonien von den Oberhäuptern hervorgeholt. Dann konnten alle das geschnitzte Paar sehen, das die Sitzfläche des Hockers auf seinen Händen trägt. Tatsächlich balancieren die beiden eine hölzerne Schale auf den Fingerspitzen, um zu zeigen, dass sie gar kein Gewicht halten müssen. Setzen wird sich auf dieses Heiligtum niemand und das Sitzen so zur symbolischen Geste.

Beim Karyatidenhocker war das von Anfang an Absicht: Seine Ahnenfiguren tragen den König allein dank ihrer spirituellen Kraft. Viele Museen beherbergen auf diese Art „unbesitzbare“ Objekte. Den Hocker, der in der Hochphase des deutschen Kolonialismus nach Berlin kam, zeichnet aber noch ein Detail aus. Man vermutet, dass er aus dem „Freistaat Kongo“ (den in Wahrheit der belgische König zu seinem Besitz erkoren hatte, um ihn brutal auszubeuten, Handabhacken inbegriffen) über Handelswege nach Deutsch-Afrika kam.

Dort erwarb ihn 1902 der Kolonialoffizier Werner von Grawert. Im Jahr danach wird der Hocker dem Ethnologischen Museum zum Geschenk gemacht – und schon damals in der Erwerbungsakte zur „Kunst“ erklärt. Obwohl man erst drei Jahrzehnte später eine Verbindung zwischen diesem Objekt und dem „Meister von Buli“ zieht.

Mehr als der Name ist über den Schöpfer einiger rarer Skulpturen und Gegenstände der Luba nicht bekannt. Vielleicht war es auch eine Werkstatt, in der man sich die Arbeit teilte und den charakteristischen Stil gleichermaßen beherrschte. Die lange Form von Händen und Gesichtern gehörte ebenso dazu wie der empfindsame Ausdruck der sorgsam geschnitzten Figuren. Im Ethnologischen Museum lässt sich das gut beobachten. Der Buli-Hocker ist von anderen Figuren der Luba umgeben. Ihr unmittelbarer Vergleich legt, zumindest aus unserer Sicht, nahe, dass sich hier eine individuelle Handschrift entwickelte. Wohl deshalb zählen Buli-Objekte bis heute zu den berühmtesten Werken afrikanischer Provenienz. Sie sind begehrt und teuer.

5,4 Millionen Euro brachte ein ähnlicher Hocker bei einer Auktion

Was die Arbeiten für den internationalen Kunstmarkt interessant macht, stand auch im Fokus des Lab-Projekts. Es ging um Zuordnung ohne Bewusstsein für das Kunstverständnis der Luba. Der „Buli-Meister“ ist eine Kreation der westlichen Moderne, die auch das mittelalterliche Werk eines Stephan Lochner kennt, ohne zu wissen, ob dieser wirklich den Dreikönigsaltar im Kölner Dom gemalt hat. Ordnung hilft der Historisierung. Und es wertet Objekte auf. Solche im Buli-Stil gelangen selten auf den Markt, doch das Lab-Projekt hat recherchiert und eine Versteigerung von 2010 gefunden, auf der ein ähnlicher Hocker für 5,4 Millionen Euro unter den Hammer kam.

„Dass religiöse Werke hohe Marktpreise erzielen, ist auch beim Christentum der Fall“, erklärt Paola Ivanov als Kuratorin der Sammlung Afrika im Ethnologischen Museum, „Problematisch ist im Falle von Objekten afrikanischer Herkunft jedoch, dass diese der Kontrolle der jeweiligen Herkunftsgesellschaften entzogen sind.“

Für die Institution ist der Buli-Hocker von immensem Wert. Der Handel gibt ihm einen Preis. Er muss das Museum nicht interessieren, weil es den Hocker nie verkaufen wird. Doch das Haus steht mit Blick auf die künftige Präsentation im Humboldt-Forum vor der Herausforderung, solche Verbindungen aufzuzeigen. Erst recht, wenn Paola Ivanov darauf verweist, dass die Objekte in ihrer ursprünglichen Kultur „noch spirituelle Wirkung“ haben – wenn auch nicht mehr so intensiv wie früher. Schließlich formuliert die Kuratorin noch etwas, das auch im Lab noch nicht mit in die Präsentation geflossen ist: „Das wirklich Skandalöse ist meines Erachtens mehr als die hohen Preise der Objekte die Tatsache, dass aufgrund asymmetrischer politischer und ökonomischer Bedingungen im Kongo seit der Kolonialeroberung Krieg und Gewalt herrschen.“



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