Kultur : Servus Welt, hier kommt Berlin (Kommentar)

Peter von Becker

Berlins neuer Senator für Wissenschaft und Kultur ist ein machtloser Mann, und doch kommt es auf ihn jetzt an wie auf kaum einen anderen in der Hauptstadtregierung. Das ist ein grotesker und womöglich produktiver Widerspruch. Frei nach Herbert Achternbusch lässt sich über Christoph Stölzl zum Amtsantritt sagen: Er hat keine Chance, also muss er sie nutzen!

Stölzls Ressort hat bekanntlich zu wenig Geld, und er selbst als parteiloser Museumsmann und Lebensabschnittsjournalist besitzt keine politische Hausmacht. Gestern noch bei der Zeitung, "Welt"-Meister und "Welt"-Lehrling in Personalunion, geht er heute in seinen neuen Job, diesen höllischen, dem er so himmlisch entgegenlächelt, ohne einen Tag Vorbereitung und ohne eine einzige Vorbedingung. "Mit dem Rücken zur Wand bin ich immer am besten", sagt er - einen Fuß breit vorm Abgrund. Jetzt Stölzl, spring! Aber nicht zu kurz.

Er hat ja Humor. Hinter seinem Direktorenschreibtisch im alten Zeughaus, vor der Schließung und Renovierung des Deutschen Historischen Museums, war ein riesiger Comic-strip aufgespannt: aus einer Donald-Duck-Serie. Da hatte es Donald alsWärter im Völkerkundemuseum mit seinen drei Neffen und dem weißbärtigen Museumsdirektor auf ein Schiff gen Labrador verschlagen; und auf der Jagd nach einem antiken Helm, der Reichtum und politische Macht verheißt, ergreift den Direktor mitten im Eismeer eine Vision. Er ruft aus: "Ich werde das Land zum Wohle der Museen regieren. Jeder Staatsbürger muss zweimal am Tag das Museum besuchen!" Später hat auch Donald einen Traum - mit seinem Entenbürzel auf einem Kaiserthron zu sitzen. So viel Wähnen und Sehnen um Kunst, Kultur und Politik: auf schwankendem Schiff zwischen Eisriffs, die an eine Disney-Version von Caspar David Friedrichs berühmtem Bild der "Gescheiterten Hoffnung" erinnern.

Die Symbolik liegt nahe. Aber darin steckt noch ein zweites Signal: Statt Schinkel oder Menzel, statt eines Bismarck-Portraits oder einer Stadt-Vedute: Donald Duck. Das passt zu Stölzl, zu dem Historiker und Kunstgeschichtler, in dem auch ein Amateurjazzer steckt. Er kann Brücken schlagen. Auch zwischen Kunst, Politik und Geld? Zumindest ist ihm zuzutrauen, das Verhältnis zwischen dem Bund, den anderen Bundesländern und Berlin im neuen Wechselspiel zwischen Föderalismus und Hauptstadt-Zentrierung ein nötiges Stück weit neu zu gestalten. Der Bayer Stölzl als Sachwalter des preußischen Stadtstaats wird da auch Animositäten in München und Stuttgart eher besänftigen: auf dem Weg zu einer mit Kulturstaatsminister Naumann nicht im Alleingang verhandelbaren zweiten nationalen Kulturstiftung. Nur sie würde den Kulturreichtum der verarmten Hauptstadt, nach dem Vorbild des Preußischen Kulturbesitzes, auf Dauer sichern können.

Stölzls Vorgängerin Christa Thoben konnte zwar rechnen, hatte aber von Kultur und Wissenschaften fast keine Ahnung. Darum fehlten ihr trotz aller Intelligenz die Urteilssicherheit in der Sache, der Geschmack, die Kriterien und damit die Gestaltungskraft. Stölzl dagegen, das musische Temperament, stand eben noch auf der anderen Seite. Was wird er jetzt sein gegenüber den Berliner Künstlern, Museumskollegen, Intendanten: Freund oder Verräter? Zuzutrauen wäre ihm immerhin ein machiavellistisches Doppelspiel, das der Politik und der Kultur nützen könnte. Stölzls wahre Chance aber ist: mit seinem Everdingschen Talent als schwärmender Liebhaber und geistvoller Lobbyist die Stadt und ihr wiedererwachendes Stadtbürgertum für Kultur und Wissenschaften völlig neu zu mobilisieren. Dreht der neue Kultursenator da erfolgreich an der Meinungsspirale, wird sich auch Berlins Politik mit dem öffentlichen Klima verändern müssen. Mehr kultivierter Hedonismus statt nur das Laut-Schweiß-und-Dröhnen der Love Parade, das könnte ansteckend wirken. Sogar in der Hauptstadt des herben Proll-Motz-Charmes. Von den Strukturen reden wird dann später.

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