• Sex als Falle: der Altachtundsechziger und seine Sehnsucht - ein Sadomaso-Blues aus Berlin

Kultur : Sex als Falle: der Altachtundsechziger und seine Sehnsucht - ein Sadomaso-Blues aus Berlin

Nadine Lange

Bredow ist "normal pervers". Seine Langzeitbeziehung Alva erklärt das so: "Er schlüpft in Latexklamotten, schminkt sich vor meinem Spiegel, will sich die Vorhaut piercen lassen, vögelt seine Geliebte auf der Tanzfläche." Alvas Verehrer Konstantin Escher kann mithalten: "Er lässt seine Hoden abbinden, bis Blut in seinem Sperma ist, und peitscht Frauen in Hotelzimmern." Alva ist verzweifelt hin und her gerissen zwischen Unterwerfungslust und Suche nach friedvoller Zweisamkeit. Dass weder Bredow noch Escher noch beide zusammen sie glücklich machen, wird schnell klar: In Christa Schmidts "Eselsfest" ist Sex eine Falle.

Begehren löst nur Qual und lächerliches Verhalten aus. Die Verbindung von Sex und Tod wirkt keineswegs romantisch, sondern erbärmlich. Liebe erscheint als verlerntes Gefühl. So ist auch der Trieb des Haupterzählers Escher hin zu Alva eine Liebeseinbildung. Die schöne Übersetzerin scheint etwas Besonderes zu sein, sie möchte er nicht erniedrigen wie sonst jede Frau. Deshalb will er sie unbedingt ganz für sich und nicht nur Bredows Ersatzspieler sein. Escher ist Philosophieprofessor, Anfang 50, geschieden, Vater eines erwachsenen Sohnes, wohnt in Berlin. Einst war er revolutionär gesinnt, aus dieser Zeit ist ihm der Zwang zum Vorträge halten geblieben. Sie sind sein Lebenselexier, helfen ihm scheinbar bei seinen Verstrickungen in Gefühls- und Körperdingen: Er befragt de Sade, Sartre, Foucault und erklärt sich mit ihnen eine Welt, in der andauernde Grenzübertretung Norm geworden ist. Escher kann alles erklären. Beim Besuch eines Sex-Clubs in Kreuzberg bemerkt er, dass die dort gezeigte Performance ihr Vorbild im mittelalterliche Eselsfest hat, bei dem kurzzeitig jede Perversion erlaubt war. Doch letztlich hilft ihm weder die Theorie, noch die abgeleitete freizügige Paxis: Ständig sieht er seine Potenz bedroht, wird langsam kauzig, bleibt schließlich unglücklich allein. Wie unerreichbar Alva für Escher ist, zeigen ihre Erzählungen, die sich mit den seinen abwechseln: Die gleichen Ereignissse erlebt sie völlig anders. Escher geht zu egozentrisch vor. Es wäre ein weiter Weg zu Alvas Motiven - Escher ist zu gierig.

Die im Präsens geschriebenen Passagen aus Frauenperspektive sind kürzer als die im Imperfekt geschriebenen Abschnitte aus Männersicht. Dadurch wird der Eindruck von Distanz zwischen Alva und Escher noch verstärkt. Sicher und elegant schildert die Berliner Schriftstellerin in ihrem vierten Roman die aussichtslos vertrackten Geschlechterverhältnisse. Sie spielt ihr Thema als Alt-68er-Blues, so hart und schonungslos, wie es wohl nur aus der sicheren Entfernung der nachfolgenden Generation möglich ist. Die Erbärmlichkeit Eschers folgt aus der diskursiorisch gut getarnten Peniszentriertheit, die die Einsicht verhindert, dass es zwischen Männern und Frauen etwas auszuhandeln gäbe. So bleiben beide Seiten gefangen in alten Mustern von Dominanz und Unterwerfung - überdeutlich im Sadomasochismus.

Es ist schwer, diesen Escher zu mögen, den Schmidt subtil lächerlich macht: Als er an die Universität Köln berufen wird, in seine Heimatregion, lässt er seine zwei Kater kastrieren - selbst deren Männlichkeit scheint ihn plötzlich zu bedrohen. Die Bewegung von der Hauptstadt ins Rheinland führt zu den Ursprüngen seines sexuellen Eskapismus. Da ist die Mutter, die ihn aus dem Grab heraus beschimpft und die Kirche. Von beiden wollte er sich emanzipieren. In einer plötzlichen Wendung des Verhältnisses zu Alva holt ihn die Familie jedoch wieder ein. So gerät das Ende doppelt tragisch, der Körper findet keine Erlösung.Christa Schmidt: Eselsfest. Roman. Knaus Verlag, München 1999. 220 Seiten, 39,80 DM.

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