Kultur : Sex ist Macht

Als Sie 1979 Ihren "Ghostwriter" veröffentlic

Philip Roth ist einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde 1933 im Newark / USA geboren, seine Großeltern kamen aus Osteuropa und sprachen Jiddisch. Seit seinem Welterfolg "Portnoys Beschwerden" (1969) steht Roth für den jüdisch geprägten New-York-Roman. Zuletzt hat er mit einer Trilogie über die jüngere amerikanische Geschichte Furore gemacht. "Der menschliche Makel", ein Höhepunkt dieses Literatur-Jahres (vgl. Tagesspiegel vom 17.2.), spielt zur Zeit der Clinton-Lewinsky-Affäre.

Als Sie 1979 Ihren "Ghostwriter" veröffentlichten, den ersten Roman mit Ihrer Lieblingsfigur Nathan Zuckerman, haben Sie sich da vorgestellt, selbst einmal dem darin geschilderten Großschriftsteller E.I. Lenoff zu ähneln - voller "Sympathie und Erbarmungslosigkeit"?

Nein. Ich war zu diesem Zeitpunkt zwar schon einige Jahre im Geschäft, aber eigentlich hatte ich keinen blassen Schimmer. Wenn ich arbeite, hilft mir mein literatur-geschichtlicher Status ja nicht weiter. Beim Schreiben kommt es mir einzig darauf an, von meinem Stoff fasziniert zu bleiben, ohne davon überwältigt zu werden. Man ist so konzentriert darauf, mit dem schriftstellerischen Problem des Tages zurande zu kommen, dass sich der ganze andere Kram in nichts auflöst. Es fällt ja heute ohnehin schwer, sich als amerikanischer Schriftsteller einzubilden, sonderlich wichtig zu sein - Lesen, Schreiben, all das zählt nicht mehr sehr viel.

Warum?

Die Ära der Literatur ist an ihr Ende gelangt - ich sage das ganz nüchtern. In Europa mag es anders sein, hier in den USA erfüllen Bücher für die meisten Menschen keinen sinnvollen Zweck mehr, deshalb haben sie aufgehört, den nutzlosen Plunder zu lesen. Die Ironie liegt nur darin, dass sich dieses Ende ausgerechnet in dem Moment abzeichnet, wo die amerikanische Gegenwartsliteratur eine Blüte sondergleichen erlebt.

Wer hat denn die amerikanische Leserschaft auf dem Gewissen?

Verantwortlich dafür sind die systematische Verdummung in den Universitäten und die absolute Tyrannei der Medien. Wer früher Kinder großzuziehen hatte, wollte sie vor Typhus, Diphterie und solchen Dingen be-schützen. Aber wie soll man ein Kind vor der Seuche der den Medien beschützen? Wenn man heute Menschen in New York so viel über Schulen reden hört und wieviel Geld die Ausbildung ihrer Kinder verschlingt, dann steht dahinter eigentlich die Frage: Wie kann ich mein Kind vor der heimtückischen Idiotisierung durch die Medien bewahren, die Fünfjährige in Verbraucher verwandeln wollen? Es genügt ja nicht, den Fernseher auf den Müll zu werfen - dann werden die Kinder durch das Internet in Trottel verwandelt. Ich schätze, die einzig sicheren Orte in Amerika sind die Bordelle!

Und dennoch erlauben Sie, dass Ihre Bücher verfilmt werden.

Natürlich. Im Moment gibt es Optionen auf mein "Amerikanisches Idyll" und "Der menschliche Makel". Ich führe keinen moralischen Kreuzzug gegen das Kino. Ich bin keiner, der mit Steinen auf Fernseher, Kinoleinwände und Computermonitore wirft. Ich konstatiere nur, was geschehen ist. Rückgängig machen lässt sich das sowieso nicht mehr.

Sie haben einmal gesagt, eigentlich schreibe jeder Schriftsteller immer nur an einem Buch. Inwiefern stellen "Der menschliche Makel" und Ihre neue Novelle "The Dying Animal" eine Fortsetzung dieses einen Buchs von Philip Roth dar?

So ein Aperçu mit Belegen aus dem eigenen Werk zu untermauern, ist natürlich verflixt schwer. Ich meine damit, dass jedes neue Buch eine Korrektur jener Vision darstellt, die im zuvor geschriebenen Buch entwickelt wurde - daraus bezieht das neue gewissermaßen seine Energie. Es handelt sich weniger um eine Fortsetzung, als um eine Neufassung. "Der menschliche Makel" hat aber darüber hinaus eine noch engere Verbindung zu meinen beiden vorangegangenen Romanen, auch wenn ich beim Schreiben von "Amerikanisches Idyll" und "Mein Mann, der Kommunist" noch nicht an eine Trilogie dachte. Die zeitgeschichtlichen Themen der beiden Romane - zum einen der Vietnamkrieg, die sechziger und siebziger Jahre, zum anderen die amerikanische Nachkriegszeit, 1945 bis 1955 - brachten mich auf die Idee, einmal in historischen Begriffen über meine unmittelbare Gegenwart nachzudenken. Ich habe mich gefragt: Was hat auf dich politisch einen so starken Eindruck gemacht wie die Zeit des Vietnamkriegs oder die McCarthy-Ära?

Das war 1998 - und Ihr Schlüsselerlebnis war die Clinton-Lewinsky-Affäre.

Es war einer der seltenen Augenblicke in der amerikanischen Geschichte, wo alle über dasselbe sprachen. Über Nacht wurden aus Menschen Bürger, die feststellten, dass sie ein gemeinsames Land bewohnten und ein gemeinsames Interesse besaßen. Es stellte sich eine Verbindung zwischen allen Amerikanern her, und ihr Thema hieß: Amerika.

Ist etwas Ähnliches nicht auch während des Watergate-Skandals geschehen?

Watergate war schlimm, aber in gewisser Weise alltäglicher. Ein Verbrecher saß im Weißen Haus, und das hat die Öffentlichkeit natürlich aufgewühlt, aber es hat sie nicht in der selben Weise gespalten wie es die Clinton-Sache, die Auseinandersetzung um McCarthy oder um den Vietnamkrieg getan haben. Ich hatte allerdings gar nicht vor, über Clinton zu schreiben. Ich wollte den Clinton-Skandal lediglich als eine Art moralischen Hintergrund für meinen Roman nutzen. Vermutlich hätte "Der menschliche Makel" auch ohne die beiden Seiten am Anfang, die zwölf Seiten in der Mitte und die zwei, drei anderen Bezüge auf Clinton auskommen können, aber ich glaube nicht, dass der Echoraum des Romans dann der selbe gewesen wäre. Clinton und meine Hauptfigur teilen die Erfahrung, in einem Klima der Verfolgung und der Anschuldigungen zu leben.

Ist diese Tradition der Hexenjagd ein Erbe des amerikanischen Puritanismus?

Nein. Ich würde nicht sagen, dass die amerikanische Innenpolitik skandalsüchtiger ist als etwa die britische. Wir haben es hier inzwischen mit einer Medien-Erfindung zu tun. Das Land ist ja spätestens seit der sexuellen Revolte der sechziger Jahre nicht mehr puritanisch. Pornografie ist im amerikanischen Alltag allgegenwärtig. Die Medien kleiden sich aber gern mit dem Gewand puritanischer Sittenwächter, um für Pseudoskandale zu sorgen. Eine andere Sache ist der neue Puritanismus der Universitäten, für den in erster Linie die Gender Studies und der Feminismus verantwortlich sind. Doch wenn die Studenten von der Universität abgehen und sich einen Job suchen, dann stellen sie binnen einer Woche fest, dass diese Vorstellungen absolut nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Ihre Hauptfigur Coleman Silk ist ein Schwarzer, der sich als Weißer ausgibt und mehrfach seine Identität wechselt. Zerstört wird sein Leben jedoch durch die Liebe. Erscheint Ihnen die Liebe oder, prosaischer gesprochen, der Sexualtrieb als tödliche Krankheit?

Liebe, Sex und Leidenschaft sind eine Form des Chaos, das in unser Leben einbricht und zu bestimmten Zeiten fast zwangsläufig in einer Katastrophe enden kann. Aber sie deshalb verdammen? Das wäre so, als würde man aufs Essen verzichten, um eine Pilzvergiftung auszuschließen. Wer sich dagegen schützen möchte, exiliert aus seinem Leben. Es wird heute nur sehr verlogen darüber befunden, wer mit wem Sex haben darf, von wem die Initiative dazu ausgehen, wie und unter welchen Umständen es geschehen soll und so weiter. Alles infantiler Quatsch.

Rührt dieses Unbehagen an sexueller Macht nicht daher, dass sie sich jeder Legitimation und Kontrolle entzieht?

Männer und Frauen reagieren auf Schönheit, das ist schon seit geraumer Zeit so. Jedes Gegenargument ist kindisch. Sex verleiht Macht, und jemand, der über diese Macht verfügt, schüchtert uns ein. Was will man dagegen unternehmen? Es verbieten?

Sie haben die sexuelle Revolution erwähnt. Hat sie ihre Ziele erreicht?

Die sexuelle Revolution war eine Gesellschaftsrevolution, sie hat alles verändert. Ihre Auswirkungen sind ebenso groß wie die der Computerrevolution. Freiheiten, die sich Anfang der sechziger Jahre niemand auch nur erträumen konnte, haben sich heute etabliert. Ist ein Teil davon lächerlich? Ja. Werden einige dieser Freiheiten missbraucht? Ja, auch das. Aber das ändert nichts daran, dass Homosexualität, Bisexualität und Transsexualität im 21. Jahrhundert zur ganz selbstverständlichen Lebenswirklichkeit gehören, und niemand wird die Uhr wieder zurückstellen können. Erinnern Sie sich noch an Bob Dole? Bei den Präsidentschaftswahlen war er Clinton unterlegen. Heute macht er Werbung für Viagra. In Fernsehspots erzählt er von seiner Prostataoperation, dass man dadurch impotent werden kann und wie schön es ist, dass es dagegen heute Viagra gibt. Ein republikanischer Präsidentschaftskandidat redet im Fernsehen über seinen Schwanz! Bill Clinton wurde durch seinen Schwanz fast gestürzt, und Bob Dole verdient heute mit seinem Schwanz ein Vermögen. Kann es einen schlagenderen Beweis für den Sieg der sexuellen Revolution geben?

Wenn Sie heute wieder achtzehn wären, würden Sie noch einmal Schriftsteller werden wollen?

Ich bin ganz und gar nicht beglückt, ein literarisches Leben geführt zu haben. Ich würde es niemandem empfehlen und wäre nicht sonderlich scharf darauf. So wie für Bücher kann man sich auch für Bilder oder Musik begeistern. Das kommt mir klüger vor, dabei kann man sich wenigstens amüsieren. Das fällt mir jedes Mal auf, wenn ich in New York ein Kammerkonzert besuche, weil man dafür am leichtesten Karten bekommt. Wenn ich im Publikum sitze und mir die anderen Menschen ansehe, denke ich: Toll, das sind alles Kunstliebhaber mit ordentlichen Berufen, die sind Ärzte oder Rechtsanwälte.Sie empfinden nicht dieses Gefühl kreativer Verantwortung. Sie haben einfach ihren Spaß - und dann gehen sie nach Hause.

Was bringt Sie dann dazu weiterzumachen?

In meinem Alter muss ich zum Glück nicht mehr sehr lange weitermachen. Heute möchte ich nurmehr mir selbst beweisen, dass ich es noch kann. Es ist wie ein Kräftemessen. Wenn ich nicht schreibe, dann weiß ich einfach nicht, warum ich am Leben bin.

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