Kultur : Sex, Lügen, Video

Berliner Festwochen: William Forsythe war da!

Sandra Luzina

„Dies ist keine Komödie. Aber auch keine Tragödie“, kündigt Tony Rizzi an. Er ist einer der Stars des Frankfurter Balletts - ein Tänzer mit dem Talent zum Standup comedian. Rizzi ist „Der Junge mit der blauen Mütze“, er gibt den Entertainer und Klassenclown. Mit „Kammer/Kammer“, einer Produktion aus dem Jahr 2000, gastierte das Frankfurter Ballett in der Schaubühne. Den Berliner Festspielen beschert William Forsythe einen ihrer raren Höhepunkte. Der Beginn von „Kammer/Kammer“ gleicht einer chaotischen Probe, ein Ballettmeister schreit Instruktionen, die Tänzer wuseln herum. Tony Rizzi macht Faxen – und kann sich folgenden Witz nicht verkneifen: „Wir sind den weiten Weg von Stuttgart hierher gekommen...“ Aber dies ist unverkennbar das Frankfurter Ballett. Noch, muss man hinzufügen.

Die Liebe im Hotel

Denn 2004 ist Schluss. Dann verlässt Forsythe Frankfurt – nach genau 20 Jahren als Ballettchef. Eine Komödie war das nicht, was der Magistrat da aufgeführt hat, für Forsythe ist es aber beileibe auch keine Tragödie. Angebote aus aller Welt hat er bekommen – über seine Zukunft schweigt er sich aus. Er wolle einen unabhängigen Weg beschreiten: „Im Laufe eines sich über mehrere Jahre hinweg entwickelnden Prozesses hat sich ein Wandel in der Wahrnehmung meines Arbeitsgebietes vollzogen, wodurch mir bewusst geworden ist, dass meine beruflichen Intentionen nicht mit meiner derzeitigen Stellung als Intendant übereinstimmen.“ In Berlin wurde Forsythe stets wie der Tanzmessias gefeiert. An der Schaubühne würde man gern mit ihm kooperien – doch auch hier schwelt der Konflikt. Derzeit ist unklar, ob Sasha Waltz und ihr unterfinanziertes Tanzensemble das Haus verlassen.

Was Castorf in seinem „Idioten“ nun ausprobiert hat, den exzessiven Einsatz von Live-Video, hat Forsythe früher, radikaler durchgespielt. Bei ihm ist dies beides: Kritik an und Experiment mit unseren Sehgewohnheiten. Forsythe zitiert Virillio, der von einer „Kultur des Vergessens im Rahmen einer Gesellschaft der Direktübertragung“ spricht. „Kammer/Kammer“ zeigt diesen Verlust der Erzählungen, unternimmt gleichzeitig den Versuch des Erinnerns, macht auch die Lücken bewusst. Zersplitterung der Wahrnehmungauf allen Ebenen: die Bewegungen zerstückelt zu komplexen Disfigurationen, die Erzählungen zerfallen, die Musik von Bach kommt in Bruckstücken vom Recorder – abwechselnd wird die Start- und Stopptaste gedrückt. Es gibt keine festen Größen. Der Bühnenraum wird durch bewegliche Stellwände zerteilt, immer neue Nischen und Kammern bilden sich, die Aktionen sind nur in Ausschnitten erkennbar oder ganz unseren Augen entzogen. Die Video-Bilder, live zusammengemischt, erlauben uns flüchtige Blicke, die wie Einblicke in Innenräume wirken.

Von Hotelzimmern handeln auch die Erzählungen. Zwei homosexuelle Liebesgeschichten spiegeln sich ineinander. Die erste basiert auf der Erzählung „Outline of my lover“ von Douglas A. Martin. Tony Rizzi ist der „Junge mit der blauen Mütze“ – er hockt in Hotelzimmern und wartet auf seinen lover, einen Rockstar. Der Text „Irony is not enough. Essay on my life as Catherine Deneuve“ von Anne Carson ist da viel raffinierter konstruiert. Deneuve tritt als Professorin auf, die sich in eine Schülerin verliebt, in schwärmerischen Fantasien verliert. Die großartige Dana Caspersen in Kostüm und Stiefeln strahlt coole Erotik aus – überlegen streng hält sie ihr Seminar ab. Sie ruft Sokrates und Sappho als Gewährsleute an. Doziert über den Unterschied von männlichem und weiblichem Begehren, über die Ironie. Spekuliert über das Imaginäre der Liebe, für das es kein Äquivalent in der Realität gibt.

Emotionaler Klammergriff

Sporadisch taucht der Tanz anfangs auf. Vereinzelt, dann in Duos und Trios demonstrieren Tänzer den typischen Forsythe-Stil: schlingernde, extrem verdrehte Bewegungen, gebrochene Linien – ausgeführt mit rabiater Attacke. Immer wieder werfen sich Tänzer auf Matratzen, stürzen aufeinander, verschlingen sich ineinander – das ist die Antithese zu jedem ballettösen Höhenflug, besitzt aber unglaubliche physische Vehemenz. Die Aktionen werden frenetischer, das Begehren wird brennender. Im zweiten Teil nimmt Forsythe die Zuschauer in den emotionalen Klammergriff. Der Junge, von seinem Liebhaber verlassen, setzt zu bitteren Anklagen an. Die Deneuve wird sich der unerfüllten Liebe bewusst, sie verzweifelt an ihren romantischen Kopfgeburten. Das Liebesobjekt entzieht sich. Raserei der Liebe, tänzerischer Furor, Tumult der Bilder: Forsythe gelingt in „Kammer/Kammer“ eine verstörende Reflexion über „Sex, Lügen, Video". Ein großartiger Abend.

0 Kommentare

Neuester Kommentar