Kultur : Sex mit Fliegen

ULRICH AMLING

Schwache Gemüter sollten diesen Text nicht lesen, denn gleich tauchen wir ein in eine Welt voller Monster.In eine Welt wild wie Alpträume, in die Welt von "Shockheaded Peter", der hierzulande vor gut 150 Jahren sein Unwesen als "Struwwelpeter" begann.Die Weihnachtsgabe des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann an seinen dreijährigen Sohn ist heute eine der bekanntesten Märchensammlungen und sicher eine der grausamsten.Hoffmann waren alle herkömmlichen Kinderbücher "zu aufklärerisch-rational ..".So schuf er sein eigenes Universum aus ungehorsamen Kindern und furchterregenden Strafen, bevölkert von Gestalten wie Suppenkasper, Hans-guck-in-die-Luft und Zappelphilipp.

Ein gefundenes Fressen für den britischen Humor der schwarzen Sorte: Die Junk Opera "Shockheaded Peter" - produziert von der Londoner cultural industry - aalt sich im Hebbel-Theater geradezu in gruseliger Erregung.Wie ein Adventskalender sind die Bühnenwände hübsch mit Türchen und Fensterchen bemalt.Doch hinter jeder dieser Öffnungen lauert ein Schrei.Das von schauriger Erwartung gezeichnete Erzähler-Faktotum (Julian Bleach) bewegt sich im Raum, als ob jederzeit die Dielen unter seinen Füßen zu leben beginnen könnten.Tatsächlich verschwindet bald ein kleines "Shockheaded Peter"-Baby unter dem Fußboden, da es den Eltern als gar zu garstig erscheint.Wir ahnen bereits, daß dies keine wirklich gute Idee war.

Die Idee zu der haarsträubenden Junk Opera hingegen entsprang dem Geist der Musik, der Musik der "Tiger Lillies".Dieses Bizarr-Punk-Trio hat sich längst Kult-Status erspielt, etwa mit seinen Balladen auf merkwürdige sexuelle Obsessionen.Sänger Martyn Jacques besingt mit seiner durchdringenden Falsett-Stimme Sex mit Fliegen, Kühen, Schafen und Autos.Ihr Bekenntnis zu den Nachtseiten der menschlichen Existenz - obwohl einige es schlicht für schlechten Geschmack halten - machen die "Tiger Lillies" zum idealen junk opera-Orchester.Martyn Jacques adaptierte mit sinistrem Blick das Buch der unartigen Kinder.

Oh, Cruel Britannia! Gleich neun kleine Quälgeister müssen bei "Shockheaded Peter" den tödlichen Folgen ihrer Missetaten ins Auge sehen.Sie verbluten, kriegen Tollwut oder fliegen schlicht davon.Die "Tiger Lillies" kennen kein Erbarmen.Ihre schaurig-schönen Weisen, die Kurt Weill mit Chanson-Stil, Zigeuner-Kapelle und anarchistischen Schrullen vermischen, enden stets auf "dead" - tot.Daß das über 90 Minuten fesselnd komisch sein kann, liegt am aberwitzigen Bühnengeschehen.Hier wird das viktorianische Theater aus dem Geist der Pop-Videos wiederbelebt: ein rasantes Spiel mit (Papp-)Kulissen, Türenschlagen und Puppen, bei dem immer die Fäden sichtbar bleiben, an denen sie wie Riesenmarionetten hängen.Wie die drei kleinen Angeber, die, weil sie den braven Nachbarn belästigen, ihren Platz auf dieser Erde vorzeitig räumen müssen.Schnipp, schnapp wird die Schnur durchtrennt, die gerade noch ihre Köpfe hielt.Auf diese Weise wird Konrad, der leidenschaftliche Daumenlutscher, auch um seine Lieblingsspielzeuge erleichtert.Unterdessen ist "Shockheaded Peter" unter den Dielen gewachsen, und seinen Eltern sind ebenso garstige Fingernägel gesprossen.Bahnt sich doch noch ein Happy-End an? Martyn Jacques besingt in seinen höchsten und schönsten Tönen den kleinen Robert, den der Wind hinwegriß: "One thing was plain, he was never seen again." Nach dem Willen des Publikums hätten die "Tiger Lillies" wohl noch Stunden so singen können, doch leider fand der schöne Schauer ein jähes Ende.Zum Glück gibt es Nachschlag: In der Bar jeder Vernunft präsentiert das Trio seine neuesten Balladen aus der bizarren Welt des "low life" - Obsessionen, haarsträubend intensiv.

Shockheaded Peter, bis 27.9., 20 Uhr, Hebbel-Theater.Low Life Lullabies, heute und morgen, 24 Uhr, Bar jeder Vernunft.

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