Kultur : Sex? Njet.

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Jens Mühling sorgt sich um

die Liebesgrüße aus Moskau

In der Sowjetunion gab es keinen Sex. Jenseits des Eisernen Vorhangs erfuhr man von dieser erstaunlichen Tatsache erst relativ spät, nämlich im Jahre 1986, als sich in einer Fernsehsendung russische und amerikanische Zuschauer live zu ihrem Alltagsleben befragen konnten. Als das Thema Sex angeschnitten wurde, hatte eine russische Teilnehmerin apodiktisch erklärt, so etwas gebe es bei ihr zuhause nicht. Die Verblüffung im Westen war zunächst natürlich groß. Andererseits hatte man ja schon gehört, dass im ökonomisch zerrütteten Ostblock in vielerlei Hinsicht Knappheit herrschte – warum sollte der Sex da eine Ausnahme sein?

Wenige Jahre später fand die sowjetische Mangelwirtschaft ihren traurigen Höhepunkt in der Einstellung des Hauptexportschlagers – nun gab es in Russland nicht einmal mehr den Sozialismus. Dafür tauchten in westeuropäischen Metropolen plötzlich russische Männer mit schweren Golduhren und in himbeerfarbenen Sakkos auf, die sich beim Einkaufsbummel von sehr blonden Mädchen in äußerst knappen Röcken begleiten ließen. Ganz geheuer wirkte das nicht, aber im Westen sorgte der Anblick trotzdem für Beruhigung: Mit dem Geld schien auch der Sex nach Russland gekommen zu sein, man wähnte die junge Nation auf dem Weg in die Normalität.

Bis diesen Herbst dann mit Jukos-Chef Michail Chodorkowskij der neureichste aller Russen verhaftet wurde. Seither jagt eine Schreckensmeldung die andere, seitdem scheint Russland nicht nur politisch in die Vergangenheit zurückzurudern. So erfahren wir etwa von Interfax, dass im sibirischen Jakutien zur Zeit ein Jukos-Ableger von den Behörden drangsaliert wird, weil sich auf dem Firmengelände „Kaninchen und Schweine unkontrolliert paaren“. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Moskauer Stadtverwaltung erwägt, den Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit kategorisch zu untersagen und mit Geldstrafen zu ahnden.

Wir hören das mit Schrecken. Keine Liebesgrüße aus Moskau mehr? Soll Russland nun wieder zum Reich des Bösen werden? Wird mit der freien Marktwirtschaft auch der Sex wieder abgeschafft, auf dass die neuen Russen nicht zu Kaninchen und Schweinen werden? Bedenkliches ist auch von Wladimir Schirinowskij zu hören, dem Vordenker der Ultranationalisten. Der hat sich mit der These hervorgetan, dem russischen Bevölkerungsschwund sei allein mit einem Verbot von Verhütungsmitteln beizukommen. Allerdings hat auch der Papst schon mal etwas ähnliches vorgeschlagen – und das hat der unkeuschen Liebe in seinem Reich keinen Abbruch getan.

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