Sex ohne Sex : Liebe für Erwachsene

Die Berliner Autorin Iris Hanika und ihr keusches Kreuzbergbuch „Treffen sich zwei“

Jan Oberländer

In einer Kreuzberger Kneipe gucken ein Systemberater und eine Teilzeitgaleristin sich an. Es sind Thomas’ Augen, die sofort in Sentas Herz und schnell auch weiter unten herumkraulen, so kommt es Senta jedenfalls vor. Und auch Thomas denkt mit „eiernder Hypophyse“ nur noch: „Habenwollen“. Liebe auf den – jetzt aber wirklich mal – ersten Blick. Vor lauter Schreck über den „Einbruch des Wunders ins wirkliche Leben“ müssen die beiden erst noch ein Bier trinken (Thomas) oder ein bisschen weinen (Senta), bevor sie sich endlich zusammen ins Bett trauen.

Es ist das Verdienst der Berliner Autorin Iris Hanika, in ihrem im Droschl Verlag erschienenen Roman „Treffen sich zwei“ aus der im Titel pointierten, tausendfach durchdeklinierten Grundsituation eine gefühlskluge und komplett klischeefreie Geschichte entstehen zu lassen. Ihr „Liebes- und Heimatroman“ handelt zwar von zwei Kreuzbergern der Herr-Lehmann-Generation, ist aber weniger Zeitbild als Beziehungsporträt, weniger Slackerstory als die Analyse eines starken, wirklichen Gefühls.

Natürlich wird es in den Tagen nach der ersten Nacht ziemlich schnell kompliziert: Kennenlerngespräche und Lebensplanungsgrübeleien, Frauenbedürfnisse und Männerbedürfnisse, „Suff, Geflenne, Liebeserklärung, Schicksal“. Dabei sind Hanikas Fourtysomethings eigentlich nicht besonders ungewöhnlich. Sie sind bloß überaus sorgfältig gezeichnet („Senta hob sich, wenn sie etwas erzählte, immer die Haare über dem Kopf hin und her“). Im sommerwarmen Bühnenbild von Kreuzberg zwischen Leuschnerdamm und Muskauer Straße veranstalten Senta und Thomas ein gefühlschaotisches Verliebtheitstheater. Keine romantische Unterhaltungskomödie, sondern das glorios hormonbefeuerte Aufeinanderprallen zweier komplexer Persönlichkeiten, die unbedingt zueinander wollen. Die aber auch noch ein reales Leben haben, mit dem sich dieses Bedürfnis auf längere Sicht (Lebensende!) vereinbaren lassen muss. Dazu muss man: kommunizieren! Liebe für Erwachsene.

Wie naheliegend, die Autorin um ein Interview zu bitten, am besten in ihrer „Lebensheimat“ Kreuzberg, um in der Szenerie des Romans über das Schreiben und die Bedeutung von Heimat zu sprechen. Das jedoch lehnt Iris Hanika freundlich, aber entschieden ab, per E-Mail. Ihre Person sei unerheblich: „Wenn ich mich lieber unterhielte als schriebe, dann hätte ich einen anderen Beruf gewählt.“ Kein Autorinnenfoto also vor der St.-Michaels-Kirche, kein Flaniergang über die Oranienstraße, kein Interview in Sentas und Thomas’ Erstkontaktlokal, das im ansonsten originalgetreuen Roman als „O-Paradies“ getarnt ist – weil man dort au paradis ist, nämlich im „Bierhimmel“.

Iris Hanikas zunächst kokett wirkende Reaktion auf die Interviewanfrage leuchtet auf den zweiten Blick durchaus ein. Die 45-Jährige hat kein Problem damit, persönliche Einzelheiten preiszugeben – zu autobiografischen Kurzschlüssen lädt sie sogar ein, wenn sie einen Werkstattbericht zu dem Roman einem ganz bestimmten Mann widmet. Es ist wohl eher so, dass sie die Kontrolle behalten will. Beim Schreiben kann man sich korrigieren, hat Zeit, den richtigen Ton zu finden.

Diese Haltung spiegelt sich in Hanikas durchgeformten, bisweilen ironisch umständlichen, von Zitaten durchzogenen Sätzen. Kostprobe: „Schon zum zweiten Male, seit sie ihn kennengelernt hatte, heulte sie nicht, auch wenn das Gefühl dasselbe war, wie wenn man gleich zu heulen anfängt, sondern bewegte sich stattdessen, indem nämlich nun umgekehrt sie in ihn hineinkroch, bis sie, nachdem sie gemeinsam ihren Bademantel weggestrampelt hatten, ineinandergehäkelt dalagen wie zwei dicke Regenwürmer.“

Derart heiter und zufrieden klingt das Liebesringen nicht immer im Roman – dabei ist das Geschlechtliche bei Hanika durchaus entscheidend. Bloß gibt es in dem Buch eben „keine einzige der in solchem Zusammenhang erwartbaren Stellen“, wie die Autorin sogar auf ihrer Homepage stolz formuliert. Wenn Senta und Thomas leuchtenden Auges zur Tat schreiten, kommt Heinrich von Kleist ins Spiel: „Was weiter erfolgte, brauchen wir nicht zu vermelden, weil es jeder, der an diese Stelle kommt, von selber liest.“ Anatomische Details interessieren die Autorin eben nur in der Sprache.

Iris Hanika ist keine Debütantin, auch wenn „Treffen sich zwei“ ihr erster Roman ist. Die 45-Jährige war feste Mitarbeiterin bei den längst eingestellten „Berliner Seiten“ der „FAZ“ und führt eine Chronik des Alltags in der Literaturzeitschrift „Merkur“. Bei Suhrkamp hat sie zuletzt die Kurztextsammlung „Musik für Flughäfen“ und eine Einführung in die Psychoanalyse veröffentlicht.

„Treffen sich zwei“ ist so etwas wie die Bündelung von Hanikas bisherigem Schreiben. Die oft erprobten kleinen Formen, die skurrilen Miniaturen und Großstadtglossen, die Kürzestszenen und Dokumentarschnipsel fügen sich nun in einen größeren Kontext und machen die Geschichte aus allen Perspektiven plastisch: Es gibt einen historischen Abriss über die Kreuzberger Luisenstadt, den Stadtteil längs des vor Jahrzehnten trockengelegten Kanals zwischen Urbanhafen und Engelbecken. Es gibt eine wunderbare Theorie des weiblichen Heulens. Und es gibt Lifestyle-Tipps für den Pausen-Quickie: „Die wortlose Verständigung zwischen echten Liebenden macht den halben Spaß aus.“

Iris Hanika: „Treffen sich zwei“. Droschl Verlag, Graz 2008. 240 S., 19 €.

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