Kultur : Sex

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LESEZIMMER

Rainer Moritz über die Lust

an der Literatur

Erschrecken Sie nicht, dies ist ein jugendfreier Text: Die plumpe Überschrift soll keineswegs Ihre niederen Instinkte ansprechen und Käufer anlocken, die darauf warten, dass Uschi Glas bei der Zurschaustellung aktueller Bademoden bald geeignete Nachahmerinnen (Brigitte Mira, Witta Pohl usf.) findet. Nein, ich möchte an diesem Montagmorgen herzlich dazu einladen, ein weiteres Mal über die „Spaßgesellschaft“ nachzudenken. Zugegeben, das klingt nach uraltem Hut, nach einer Diskussion, die am 12. September 2001 einsetzte und von jenen aufgegriffen wurde, die sich immer schon nach der alten Ernsthaftigkeit zurücksehnten. Doch seit dem Einsturz der New Yorker Zwillingstürme ist die Welt nicht besser geworden, und das Ende des grundlosen Spaßes lässt weiter auf sich warten. Wir haben seitdem Daniel Küblböcks Gesangseinlagen, Reiner Calmunds ManagerChargennummer, Dieter Bohlens schriftstellerisches Bemühen und Claudia Strunzens Tattoos überlebt.

Dennoch besteht Hoffnung: Die alles durchdringende Sexualisierung scheint abzuebben. Die Forderung des römischen Philosophenkaisers Marc Aurel, das „Zugwerk der Triebe“ zur Ruhe kommen zu lassen, dringt allmählich in das öffentliche Bewusstsein und beeinflusst jene Marketingstrategen, die noch vor kurzem jeden Oberflächenreiz nutzten, um für Müsli oder Scheuermilch zu werben. Die Menschen - so die neue Glücksformel - wollen den trüben Genuss des Sexuellen dauerhaft überwinden und suchen Beschäftigungen, die substanziellere Freude schenken. Woher ich das weiß? Lassen Sie mich Beispiele nennen: Unter Fußballern gehört es mittlerweile zum guten Ton, den geglückten Torschuss über das geschlechtliche Vergnügen zu stellen. Christoph Daum brachte die Verlagerung der Freude auf den Punkt: „Ein spannendes Fußballspiel ist schöner als ein Orgasmus.“

Der Münchner List Verlag wirbt in diesen Tagen für eine seiner Herbstnovitäten, die auf den erregenden Titel „Das karmesinrote Blütenblatt“ hört. Er tut dies mit einem Zitat aus dem „Time Magazine“: „Dieses Buch zu lesen ist besser als Sex!“ Der List Verlag – der passenderweise mit dem Hausslogan "Lust an Literatur" arbeitet – möchte die Deutschen in rentengefährdender Weise davon abhalten, Sex auszuüben; er vergleicht Empfindungen, die mir bislang unvergleichlich schienen, und er bringt Menschen dazu, sich vom Partner abzuwenden und sich in selbstgewählter Einsamkeit einem sehr dicken Buch zu widmen. War es so gemeint, das Ende des Funs? Ist Lesen der Gemeinschaft schädlich? Und wieso argumentieren der List Verlag und das „Time Magazine“ so undifferenziert und scheinen nur eine Sexspielart zu kennen? Dass wir „Das karmesinrote Blütenblatt“ für einen exorbitant guten Roman halten sollen, habe ich begriffen, doch gibt es nicht guten und schlechten Sex? Vielleicht ist dieses Buch ja nur besser als sturzfader Blümchensex auf unsauberer Matratze? Wohingegen ... ach, das führt zu weit. Ist das Ende der Spaßgesellschaft das Ende der Sexgesellschaft?

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