Sexualität : Keuschheit ist ein gefährliche Waffe

Mit Kondom? Vor der Ehe? Am besten gar nicht? Sex wird immer das letzte Tabu sein. Keuschheit zu predigen, bringt jedoch nur wenig.

Rüdiger Schaper

 Kein Witz: Ein alter Mann, ganz in Weiß, sitzt in einem Flugzeug, er ist auf dem Weg nach Afrika. Aus himmlischer Höhe schickt er seine Botschaft an die Menschen ab, die da seiner harren. Seid keusch und glaubt nicht an Kondome, denn die helfen nicht gegen Aids. Eine ungeheuerliche, aber in sich logische Aussage: Demnach wäre es in armen Ländern auch besser, gar kein Wasser zu trinken als verseuchtes, und Filteranlagen wären dann gleichfalls des Teufels. Besser also verdursten, als den Körper zu vergiften. Die reine Seele kommt in den Himmel.

Enthaltsamkeit ist plötzlich wieder ein Thema. Wir haben ja Fastenzeit. Es wäre vielleicht auch keine schlechte Idee, sich bei der Pro-Reli-Abstimmung in Berlin der Stimme zu enthalten. Es handelt sich schließlich um ein Bürgerbegehren, und begehren soll man doch nicht.

Kein Witz. Bitterer Ernst. Das Oberhaupt der katholischen Kirche steht mit seinem moralischen Fundamentalismus nicht allein. Man vernimmt ein globales, schrilles Echo. Islamische Hardliner verfechten, allerdings mit weitaus stärkerer Gefolgschaft, eine grausame Scharia-Auslegung. Sie trifft vor allem Frauen, in Iran, Afghanistan, Saudi-Arabien. Dort ist die Sanktionierung von Sexualität ein schrecklich bewährtes Mittel von Unterdrückung und Machtausübung, so genannte Ehrenmorde lassen sich damit legitimieren. Hexen und Ketzer werden hierzulande gottlob nicht mehr verbrannt. Doch vormodern klingt manches schon, was Rom verbreitet. Vor gut hundert Jahren wurde der Schriftsteller Oskar Panizza ins Gefängnis geworfen. Er hatte in seinem satirischen „Das Liebeskonzil“ das Auftreten der Syphilis in Europa mit den Ausschweifungen des Borgia-Papstes Alexander VI. erklärt.

Sexualität ist das Schlachtfeld, auf dem sich ein rückwärtsgewandter Papst mit Macht positionieren kann. In jedweder Gesellschaft wird Sex immer das letzte Tabu sein, das letzte und in der Tat nicht leicht zu schützende Privatissimum, die verletzlichste Stelle. Das haben Pop-Strategen so gut erkannt wie der Papst auf der anderen Seite der Konsumhölle.

Hat nicht auch Britney Spears, die so häufig abgestürzte Pop-Prinzessin, in einer publicityträchtigen Aktion Sex vor der Ehe abgelehnt? Der Rest dieser armseligen, abgefuckten Geschichte ist bekannt. Aber da tut sich ein neues Trockengebiet auf: Enthaltsamkeit ist sexy, ein endlos ausgedehntes Vorspiel, mal was anderes in einer sexfixierten Gesellschaft. Diesem Muster folgen auch die Bestseller der US-Autorin Stephenie Meyer. In den Büchern der Mormonin – Teenager verschlingen das Zeug – dürfen sich Bella und Edward nicht zu nahekommen, denn der hübsche Junge ist ein Vampir. So flach diese bibeldicken „Biss“-Schwarten auch geschrieben sind, sie stecken voller raffiniert verbrämter, jahrhundertealter kirchlicher Sexualphobie – und hinterhältiger Befeuerung. Blutsauger werden mit Weihwasser und Kreuz bekämpft, Aids mit Moral.

In den USA ist die Zahl der Teenagerschwangerschaften dort am höchsten, wo ein streng konservativ-christliches Familienbild vorherrscht. Der „New Yorker“ überschrieb einen Artikel zu diesem Phänomen mit „Red Sex, Blue Sex“. In den „roten“, in traditionell republikanischen Staaten wie Louisiana und Mississippi, gibt es sehr viel mehr minderjährige Mütter als in den „blauen“, den demokratischen Staaten. Sarah Palins 17-jährige Tochter Bristol ist eine von vielen. Das Postulat der Enthaltsamkeit produziert bei jungen Menschen das schiere Gegenteil. Das gleiche Bild bietet sich bei Frühehen und der daraus resultierenden hohen Scheidungsrate: Auch da sind die Evangelikalen, die Bush-Wähler, führend.

Wer Keuschheit predigt, hantiert mit einer gefährlichen Waffe. Die Vorstellung, der Mensch dürfe sich nur zur Reproduktion paaren, macht ihn zum Tier. Eine uralte Geschichte: Abstinenz ist nur mit allergrößter Vorsicht zu genießen.

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