Shakespeare im Deutschen Theater : Schleimer im Eimer

Ausschließlich mit einer weiblichen Besetzung inszeniert Rafael Sanchez „Coriolanus“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Nach sechs Jahren kehrt Jutta Wachowiak dafür wieder an ihre frühere Wirkungsstätte zurück. Gespielt wird eine Neuübersetzung von Andreas Marber, der den Text des britischen Klassikers radikal "entschnörkelt"

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Haarige Angelegenheit. Natalia Belitski und Susanne Wolff. Foto: Fieguth
Haarige Angelegenheit. Natalia Belitski und Susanne Wolff. Foto: FieguthFoto: Joachim Fieguth

„Der Kanzlerkandidat zeigt seine Kratzer“, ruft die Schauspielerin Judith Hofmann ins Publikum. In schwarzer Unterwäsche und Netzstrumpfhosen steht sie als Coriolanus auf einer kleinen Empore, die sich praktischerweise aus Simeon Meiers überdimensionaler Schubladenbühne herausziehen lässt, und beginnt, Pflaster abzuziehen, die großflächig auf ihrem Körper kleben. Darunter treten Kunstblutmeisterwerke zutage; die Maske hatte sicher ihre helle Freude. Und auch der eine oder andere Zuschauer amüsiert sich. Selbst, wenn der Erkenntnisgewinn nicht gerade überbordend ausfällt: Aha, die Politik muss sich für Wählerstimmen ab und zu ein bisschen prostituieren – was als Theater-Bild umso wirksamer funktioniert, wenn „der Kanzlerkandidat“ von einer Frau gespielt wird.

So weit, so klar. Und sonst so? Gute Frage in Bezug auf Rafael Sanchez’ „Coriolanus“-Inszenierung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Beim Shakespeareschen Titelhelden handelt es sich ja um einen Ausnahmekrieger, der zwar ganze feindliche Armeen im Alleingang besiegt, als Sozialsimulant allerdings eine komplette Fehlbesetzung ist: Als er zum Konsul aufsteigen will und dafür die Zustimmung des römischen Volkes braucht, stolpert der Aristokrat über seine unverhohlene Pöbel-Verachtung. Und weil die Arroganz derer „da oben“ und die Ohnmacht derer „da unten“, die kalkulierte Inszenierung von Volksnähe und die, jawohl, allgemeine Politikverdrossenheit ja irgendwie tagesaktuell anschlussfähig sind, unternimmt Sanchez halt eine diffuse Semi-Vergegenwärtigung.

Unterstützung findet er bei Andreas Marber, der in seiner Neuübersetzung die Dorothea-Schlegel-Version in Richtung Drehbuchdeutsch entschnörkelt. Gern fallen hier Vokabeln wie „Warenlager“, „Einzelhandel“ oder „Unterschichtenkriecher“. Die Tragödie des Coriolanus wird dabei von fünf Schauspielerinnen in wechselnden Rollen geschultert, die die Bühne zu Beginn als moderne Volksvertreterinnen in Mitte-tauglichen Partyklamotten entern und erst mal an der Rampe abhotten, bis relativ unvermittelt die Arm-Reich-Schere zur Sprache kommt: „Unser Hunger ist nur da für ihren Überfluss“, gibt eine junge Shortsträgerin (Natalia Belitski) zu bedenken. Ein paar Minuten und Perückenwechsel später ist Belitski – glatzköpfig – Coriolans Gattin, und ein extrakünstlicher Klebeschnauzbart qualifiziert sie schließlich in dritter Instanz zum tumb-schmierigen Volkstribun Brutus. Indes mutiert Jutta Wachowiak, die nach sechsjähriger DT-Abstinenz erstmals wieder an ihre frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt ist, zu einem langhaarigen, sonnenbebrillten Volsker, der sich bald als Coriolanus’ Rivale Aufidius entpuppt. Susanne Wolff schließlich gibt neben dem zweiten schnauzbärtigen Volkstribun Sicinius vor allem Coriolans Mutter Volumnia, eine schroffe, ehrgeizige Vollglatzen-Erscheinung, die die Kriegsverletzungen ihres Sohnes abfeiert, als handle es sich um besonders exzellente Schulnoten.

Kurzum: Keine steht hier fest auf einer bestimmten Seite, und auch Sanchez selbst enthält sich – bei aller offenkundigen Sympathie für Coriolans mangelndes Schleimer-Talent – eindeutiger Parteinahmen: Das Tanzvolk ist so naiv und manipulierbar wie die das Regierungskabinett arrogant und der gemeine Volkstribun dümmlich-korrupt. Leider wirkt das alles aber weniger differenziert als vielmehr beliebig: Je nach Schauspielerinnenlaune, so scheint es, wird von Pathos zu Parodie und gelegentlich auch mal in den Songmodus geswitcht. An die herzliche theatrale Schieflage, dass wir, die Zuschauer, permanent als "Volk" angespielt werden, haben wir uns ja eh schon gewöhnt. Überhaupt wird man den Gedanken nicht los, diesen Abend bereits zu kennen: Die Bedienung aus einem zeitgeistigen Formenpool, der inhaltlich oft nur bedingt zwingend erscheint, ist leider nicht untypisch für das aktuelle Stadt- und Staatstheater.

wieder am 17., 23. und 29. Dezember.

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