Kultur : Shakespeare, Marx und Edward Hopper  Wahr oder gelogen? Vier Rätselfilme im FORUM

von
Mysteriös. Augustina Muñoz in „Viola“.
Mysteriös. Augustina Muñoz in „Viola“.

Revolution, kann man die

neute noch darstellen?

Ist die Welt eine Castingshow?

Spiele um Sein und Schein sind ein Lieblingsthema des Kinos, das Zeit und Raum wie im Märchen neu erfinden kann. Das Forum, per Selbstdefinition ein Experimentierfeld für visuelle Entgrenzungen, zeigt in diesem Jahr vier Filme, die sich auf unterschiedlichste Weise mit Irritationen der Wahrnehmung beschäftigen.

Die Begegnungen auf diesem globalen Trip sind doch von unterschiedlicher Substanz und Überzeugungskraft. „Fynbos“, ein von dem griechischen Regisseur Harry Patramanis in Südafrika gedrehter Spielfilm, ist eine Hymne auf die Schönheit der Tafelberge am Kap und zugleich ein ergebnisoffener Horrorthriller der subtileren Art. Meryl (Jessica Haines), eine weiße verheiratete Frau, entledigt sich in einem Township ihres Passes und verweigert klare Aussagen zu dem üblichen Verdacht, sie sei angegriffen oder in einen Unfall verwickelt worden. Meryl verharrt schwebend in ihrer Parallelwelt, lässt sich jedoch von ihrem besorgten Mann (Warrick Grier), einem Immobilienhändler, auf eine Tour aufs Land mitnehmen. Die Fynbos-Villa, ein hypermodernes Glashaus im eingezäunten Terrain nahe einem Bergbach, soll an ein Geschwisterpaar verkauft werden. Die Besichtigung wird erschwert durch ein Hippie-Pärchen, das aufs Haus aufpasst und sich seinerseits gestört fühlt. Die Rätsel verknoten sich, als Meryl, vom Zauber der Landschaft wie hypnotisiert, einfach verschwindet, als hätten ihr die Felszeichnungen einen Weg ins Offene gewiesen.

Der mexikanische Filmessay „Matar extraños“ kreist um die Frage, ob sich die politische Emphase marxistischer Revolutionsappelle heute noch im Film darstellen lässt. In einer musealen Hazienda lassen die beiden Filmdebütanten Jacob Secher Schulsinger und Nicolás Pereda eine Reihe von Laien in einer Casting-Situation immer wieder dieselben papierenen Sätze aufsagen. Dazu sieht man ein Zapatisten-Trio durch die Wüste pilgern, offensichtlich auf dem Weg zu einer revolutionären Gruppe, aber auch jederzeit bereit, sich im Streit um das Trinkwasser gegenseitig auszulöschen. Die Anordnung der beiden Verweisebenen wird von einem, die Filmer-Situation spiegelnden Paar emotionslos registriert. Ein prätentiöses Stück über das Ende jeglicher Utopie.

Gustav Deutsch versucht in „Shirley – Visions of Reality“, Kunstgeschichte mit Zeitgeschichte und einer biografischen Ebene zu kreuzen. In 18 festen Einstellungen nach Gemälden von Edward Hopper ordnet er eine Figur namens Shirley (Stephanie Cummings) als pantomimische Repräsentantin verschiedener historischer Situationen an. Beginnend 1931 werden in der Art eines hochartifiziellen bebilderten Hörspiels Stationen der künstlerischen Biografie dieser Schauspielerin reflektiert. Ein Geschichtsabriss von der Depression bis zur Bürgerrechtsbewegung der Sechziger rollt mit kalter Brillanz ab. Die Betrachtung eines Hopper-Gemäldes löst mehr gedankliche Bewegung, mehr visuelle Faszination aus als Gustav Deutschs tot wirkende „Verfilmung“.

Eine radikal andere Raubversion klassischer Vorläufer-Künste präsentiert der argentinische Spielfilmdebütant Matías Piñeiro in seiner rasanten einstündigen Komödie „Viola“. Piñeiro liebt Shakespeare, dessen Frauenfiguren, seine Schauspielerinnen und das pralle Parlando spanischer Bühnendialoge. In extremen Großaufnahmen kommt sein Film vier jungen Theaterschauspielerinnen nahe, die Szenen aus „Was ihr wollt“ aufführen und später in privaten Probensituationen immer weiter verfeinern, nicht zuletzt immer stärker erotisch aufladen. Die ausgewählten Passagen kreisen um die Frage, was Liebe bedeutet, wie sich ihr Anfang, ihr Ende zeigen. Liebe ich nur, weil ich das Begehrtwerden liebe? Um diese Frage von Sein und Schein fokussieren sich die Dialoge der Schauspielerinnen, als sie sich außerhalb der Rolle meinen. Dann erst führt Piñeiro die Titelfigur Viola ein, eine junge Frau, die „ein bisschen Musik, ein bisschen Film“ macht. Ein mitreißendes Filmvergnügen. Claudia Lenssen

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