Shakib Mosadeq : Aufstand der Ameisen

Shakib Mosadeq war Sänger der ersten Bluesrock-Band Afghanistans. Dann musste er fliehen. Im Berliner Exil singt er gegen die Taliban.

Sahar Nadi
Musik als Waffe. Shakib Mosadeq in seiner Weddinger Wohnung. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Musik als Waffe. Shakib Mosadeq in seiner Weddinger Wohnung. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„In der Provinz Helmand ließen die Amerikaner Heavy Metal aus ihren Panzer-Boxen dröhnen, um die Taliban zu provozieren.“ Shakib Mosadeq zündet sich im Hof des afghanischen Kulturzentrums in Neukölln eine Zigarette an. Es ist Genugtuung in seiner Stimme. Es waren solche Fundamentalisten, die den ehemaligen Leadsänger der ersten afghanischen Bluesrock-Band Morcha (Ameise) zwangen, sein Land zu verlassen und ein Niemand zu sein. So fühle er sich heute, eineinhalb Jahre nach seiner Ankunft in Berlin, sagt der 30-Jährige: „Hier bin ich nur ein Ausländer von vielen. Egal ob Arbeiter, Künstler oder Minister, hier muss jeder von null anfangen.“ Mosadeqs Hände bewegen sich in einem fort, als müsse er sein Gesagtes pantomimisch erklären, als hätte er sich daran gewöhnt, nicht verstanden zu werden.

Er ist aus Afghanistan geflohen, auf welchem Wege, will er nicht verraten, auch über das Warum spricht er nicht. Es sei viel passiert, die Repression zu stark geworden: „Ich war an einem Punkt angelangt, an dem es für mich nicht mehr weiterging. Ich lebte in ständiger Angst.“

Die ersten Jahre seiner Kindheit verbringt der Sohn eines Beamten und einer Lehrerin in der Provinz Herat. Als sie Ende der 80er Jahre in den Iran fliehen, sind die Kämpfe der Mudschaheddin gegen die sozialistische Regierung des Präsidenten Nadschibullah bereits in vollem Gange. „Seit meinem sechsten Lebensjahr musste ich auf die Straße, um das Geld für die Familie zu verdienen. Nach Beginn des Bürgerkrieges fanden meine Eltern keine Anstellung mehr, weder in Afghanistan noch im Iran.“ Dennoch kehren sie nach fünf Jahren zurück, wohl wissend, dass sich die Willkürherrschaft der Warlords auf ihrem Höhepunkt befindet.

Es sind gefährliche Zeiten, die Mudschaheddin ziehen raubend und mordend durch das Land. Wieder muss sich die Familie durchschlagen, wieder muss Mosadeq auf die Straße. Als die radikalislamischen Taliban 1996 Kabul erobern, wird die Lage der Familie immer schlimmer. Viele Schulen werden geschlossen, Frauen dürfen ohne männliche Begleitung nicht mehr das Haus verlassen. Auch Musik wird verboten.

Trotzdem: „Gerade in der Taliban-Ära entdeckte ich meine Leidenschaft für die Musik“, sagt Mosadeq. „Meine Eltern unterstützten mich, meine Mutter besorgte mir sogar mein erstes Instrument.“ Es sei nur ein kleines Kinderkeyboard gewesen. Die Mutter habe es unter ihrer Burka nach Hause geschmuggelt, geschützt vor den Augen der Sittenwächter.

Er bringt sich das Spielen darauf selbst bei, Tag für Tag, versteckt im Luftschutzkeller ihres Hauses. Doch an einem Abend wird er gehört. Mosadeq sitzt mit Freunden zusammen, als die Taliban das Haus stürmen, alle festnehmen, ihm den Kopf scheren und ihn halbtot prügeln.

Für die Glaubenskrieger gilt Kunst als Teufelszeug, Filmbänder und Musikkassetten werden zerstört. Sie wollen Mosadeq brechen, ihn seine Musik bereuen lassen – doch sie erreichen das Gegenteil: „Wir haben so viele Probleme erlebt, so viel Krieg, Blut und Gräuel gesehen, das hat uns abgehärtet. Also machten wir weiter und sagten uns: Jetzt erst recht!“

Nach dem Ende der Taliban-Herrschaft entschließen sich Mosadeq und seine Freunde im Jahre 2005, eine Rockband zu gründen. Ihr erstes Album „Minority Report“ erscheint 2007 und schafft es auf die Medienplattform iTunes. Die Antz Band, wie sich sie zu Beginn noch nennt, spielt Bluesrock, dessen weiche Klänge der afghanischen Folklore ähneln. Wären da nicht ihre kontroversen, gesellschaftskritischen Texte.

Sie benennen die Korruption und den Wahlbetrug der Regierung Karzai, verurteilen die Anschläge auf Zivilisten und andere politische Desaster. Vor Konzerten kündigen sie an, keine Musik machen zu wollen, sondern Nachrichten zu verbreiten. In einem Song heißt es: „Willkommen im schönen Kabul, das ist Afghanistan, hier ist die ganze Welt vertreten. Nationale Versöhnung? Das heißt, mein Bruder ist Minister, mein Onkel Abgeordneter und mein Tantchen sogar Präsidentin!“ Der Spott über die Vetternwirtschaft der Regierung bleibt nicht folgenlos. Nachdem zwei Lieder im Radio gespielt werden, landen die restlichen auf der schwarzen Liste des Kulturministeriums.

Während die Musik Mosadeq zwingt, das Land zu verlassen, bleiben seine Bandkollegen in Afghanistan. Masoud Hasanzada, Lyriker und Gitarrist von Morcha hat sich erst vor kurzem in einer neuen Wohnung mit schalldichtem Proberaum inmitten Kabuls einquartiert. Die Band bereitet sich auf harte Zeiten vor, einen neuen Vormarsch der Taliban. In diesen Tagen erst haben Fundamentalisten 17 Dorfbewohner enthauptet, weil sie an einer Feier teilnahmen, auf der Musik gespielt und getanzt wurde.

All dies lässt auch Mosadeq in Berlin nicht zur Ruhe kommen. Seine Hände streichen immer wieder fahrig durch das schulterlange Haar, rücken die schwarze Hornbrille zurecht: „Es muss sich etwas an der Denkweise der Afghanen verändern. Der fundamentalistische Glaubenskrieg zerstört uns.“ Es gebe keine Meinungsfreiheit, dafür unzählige Zwänge. „Ich konnte diese engen Grenzen nicht mehr ertragen. Solange sie bestehen, kann ich nicht zurück“, sagt Mosadeq.

Von Deutschland aus könne er mehr bewerkstelligen. Durch soziale Netzwerke habe er seine Kontakte zur afghanischen Musikszene reanimieren und ausbauen können. Über das Internet wird auch Sabur Zamani, Leiter des afghanischen Kulturzentrums in Berlin, auf Mosadeq aufmerksam. Er bietet ihm die Möglichkeit, das Zentrum als Kontaktplattform zu nutzen, wieder seiner Musik nachzugehen und Konzerte zu geben.

Derzeit sucht Mosadeq nach neuen Bandmitgliedern, ein Soloalbum konnte er schon veröffentlichen. Die meisten Lieder hat er selbst produziert, in seinem Homestudio in Wedding. „Die Resonanz auf mein Album war großartig“, sagt Mosadeq. „Afghanen aus ganz Europa erklärten sich bereit, meine Lieder zu übersetzen und mit Untertiteln zu versehen.“ Auf seinem Blog shmosadeq.blogfa.com lassen sich alle Songs umsonst herunterladen.

„Ich verdiene kein Geld mit meiner Musik“, sagt der Künstler. „Im Gegenteil, das wenige, das ich zur Zeit als Hilfe bekomme, investiere ich wieder in die Musik.“ Sein Stil habe sich inzwischen geändert, sagt er, vom Bluesrock der Morcha-Band hin zu einem mit arabesken Klängen durchsetzten Poprock. „Rockmusik ist eine Rebellion an sich. Sie ist unglaublich kraftvoll und kann ebenso kraftvolle Botschaften vermitteln.“

Auch wenn Mosadeq nicht mehr Teil seiner alten Band sein kann, will er weiter mit seiner Musik für die Belange der afghanischen Bevölkerung kämpfen, irgendwann vielleicht sogar zwischen Deutschland und Afghanistan pendeln. Bis dahin wird er wohl noch viele Songs schreiben müssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben