Shechter/Duato : Zappeln im Gestrüpp

Das Staatsballett Berlin zeigt „The Art of Not Looking Back“ von Hofesh Shechter und „Erde“ von Nacho Duato.

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"The Art of Not Looking Back" von Hofesh Shechter.
"The Art of Not Looking Back" von Hofesh Shechter.Foto: Fernando Marcos

Unnahbar wirken die sechs Tänzerinnen, die sich zu einem Block formiert haben. Mit einer weiblichen Machtdemonstration beginnt Hofesh Shechters Stück „The Art of Not Looking Back“. Dazu erklingt die sanfte Stimme des Choreografen vom Band: „My mother left me when I was two“ Ein knapper autobiografischer Verweis: Shechters Eltern trennten sich, als er zwei war. Ein Satz, der lange nachhallt.

Der aus Israel stammende Choreograf und Komponist Hofesh Shechter ist einer der Stars der britischen Tanzszene. Keiner vermag es wie er, körperliche und klangliche Energien zu entfesseln. Seine Tanzperformances sind ebenso aufwühlend wie irritierend. „The Art of Not Looking Back“ ist sicher sein persönlichstes Stück. Die Choreografie hat er 2009 speziell für die Tänzerinnen seiner eigenen Compagnie kreiert – auch um zu beweisen, dass er kein reiner Männer-Choreograf ist. Nun hat er sein Stück dem Staatsballett Berlin überlassen.

Ein markerschütternder Schrei, dann Würgegeräusche. Neben seiner eigenen Komposition und Barock-Klängen von Bach hat Shechter auch Musik von John Zorn verwendet. Der Aufruhr der Gefühle manifestiert sich als heftige Erschütterung in den Körpern. Die eben noch so kühlen und starken Frauen werden zu einem Knäuel zappelnder Glieder. Offenkundig arbeitet Shechter sich an der abwesenden Mutter ab.

Shechter spielt mit archetypischen Frauenbildern

Wie ein Analytiker kommentiert er den frühkindlichen Verlust: Er spricht von einer zerbrochenen Struktur. Von einer Leere, die sich durch nichts mehr füllen lässt. Und es scheint, als wolle er seine eigenen Wut, seinen Schmerz auf die Frauen übertragen. Die Tänzerinnen schwanken zwischen Auflösung und Aufbegehren. Doch gleichzeitig spielt Shechter mit archetypischen Frauenbildern wie der Mutter und der Kriegerin. Wenn sie in ihren erdfarbenen Kostümen mit schweren beckenbetonten Bewegungen vorwärtsdrängen, muten die Tänzerinnen wie ein primitiver Stamm an. Dann wieder nehmen sie in Ballerinen-Manier Aufstellung. Der schnelle Wechsel von körperlich- emotionalen Zuständen ist kennzeichnend für Shechters Choreografien. Das Sextett des Staatsballetts reicht zwar nicht an die Ausdruckskraft von Shechters Compagnie heran, doch man ahnt, welch verstörende Kraft „The Art of Not Looking Back“ besitzt.

Szene aus "Erde" von Nacho Duato.
Szene aus "Erde" von Nacho Duato.Foto: Fernando Marcos

Staatsballett-Intendant Nacho Duato, dessen neues Werk „Erde“ am selben Abend gezeigt wird, hat sich in Berlin anscheinend zum Öko-Apostel entwickelt. In seiner neuen Choreografie „Erde“ geht es um nichts Geringeres als um das Anthropozän, das vom Menschen geprägte Erdzeitalter. Ein Ballett über den ökologischen Fußabdruck und die schleichende Apokalypse? Ein ambitioniertes Vorhaben, das scheitern muss.

Ksenia Ovsyanick in ihrem grünen Glitzertrikot soll wohl Mutter Erde verkörpern. Konstantin Lorenz und Alexej Orlenco zerren an ihr, schleifen sie über den Boden und verbiegen sie bis zum Limit. Bei den anschließenden Pas de deux tragen sie Plastikhandschuhe, die sie den Frauen schon mal auf den Mund pressen. Sechs Männer, die Pelzmäntel zu schwarzen Slips tragen, symbolisieren die Konsumgesellschaft. Die wehmütigen Klänge eines Streichertrios werden abgelöst von pulsierenden elektronischen Sounds, zu denen sich eine konforme Menge bewegt.

Ein Waldstückchen als rettende Oase

Anfangs befinden sich die Tänzer in einem transparenten Plastik-Kubus (Bühnenbild Numen und Ivana Jonke). Doch sie pumpen immer mehr Nebel in diese Biosphäre. Noch bevor die Atmosphäre ruiniert ist, ist schon die Luft raus aus dem Ballett. Ein dreidimensionales Raster aus blauen Laserstrahlen dehnt sich bis in den Zuschauerraum aus. In dieser Matrix versucht Ksenia Ovsyanick mit letzter Kraft ein paar Ballettschritte, die sich an der Geometrie orientieren.

Schließlich fährt ein Stückchen Wald, hyperrealistisch gestaltet, auf die Bühne. Ksenia Ovsyanick, die zusammengesunken an der Rampe liegt, flüchtet sich in die rettende Oase. Am Ende ragt nur ihr Po aus dem Gestrüpp. Ein merkwürdig sexualisiertes Bild – und eine seltsame Form der Naturliebe. Das Ballett wirft sich zwar ein grünes Mäntelchen um, doch es bleibt im Holzschnittartigen stecken. Überdies dürfte die Öko-Bilanz des Stückes dank der großen Plastikmenge, die zum Einsatz kommt, negativ ausfallen.

Komische Oper: So 23.4., 18 Uhr und Fr 28.4., 20 Uhr

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