Sheela Gowda in der daadgalerie : Umbruch in Indien

Angst vor der neuen Zeit: Eine Installation der indischen Künstlerin Sheela Gowda in der daadgalerie.

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Tür ins Leere. Und im Bildhintergrund steht der Dachfirst kopf.
Tür ins Leere. Und im Bildhintergrund steht der Dachfirst kopf.Foto: Krzysztof Zielinski

Das Haus steht Kopf. Der gelbe Dachfirst hängt aufgelöst von der Decke. Die blaue Tür führt ins Leere. Die Fenster öffnen sich zur Wand. Am Boden liegt der Esstisch, die Beine nach oben. Ein holzgeschnitzter Elefant ist auf den Rücken gekippt.

Die Installation „Of All People“ der indischen Künstlerin Sheela Gowda in der Berliner daadgalerie vermittelt die Ängste des wirtschaftlichen Umbruchs, die Auflösung der sozialen Strukturen. Auch die kleinen, archaischen Votivfiguren aus Holz, die den ganzen Ausstellungsraum bevölkern, können das bestehende Gefüge nicht vor den globalen Kräften schützen. „Of all People“ – ausgerechnet Indien mit seiner jahrtausendealten Kultur erweist sich im gegenwärtigen Verteilungskampf als fragiler Gigant.

Sheela Gowda, Jahrgang 1957, lebt in Bangalore, der drittgrößten Stadt Indiens. Nach ihrem Master am Royal College of Art in London begann sie zunächst als Malerin. Seit den 1990er Jahren, angestoßen durch die Unruhen in Mumbai, thematisieren ihre raumfüllenden Installationen den Wandel des Landes vom Hort regionaler Manufakturarbeit hin zum Zentrum industrieller Massenfertigung für den Weltmarkt.

Sheela Gowda verwendet traditionelle Verbindungselemente

Für den Zusammenprall der Zeiten verwendet Sheela Gowda haptische Materialien. Die Asche von Räucherstäbchen, Kumkum (das rote Pulver aus der Kurkumawurzel) oder die Teerfässer der Straßenbauarbeiter. Bei der 53. Biennale von Venedig band sie 2009 die chromglänzenden Stoßstangen von Autos in Seile aus Haar. Die Arbeit konfrontierte Fließbandproduktion mit organischem Wachstum. Und zitierte zugleich einen Aberglauben: In Bangalore werden Haarsträhnen als Talismane um die Stoßstangen gebunden. „Behold“ („Sieh da“) heißt das Werk.

„Loss“ („Verlust“) hat die Künstlerin eine übermalte Fotoserie von 2008 genannt, die sich im Besitz des New Yorker Guggenheim befindet. Die Bilder stammen aus Kaschmir, der krisengeschüttelten Region zwischen Indien, Pakistan, Afghanistan und China. Mit Aquarellfarben lädt Sheela Gowda den Himmel über den Alltagsszenen romantisch auf.

Immer wieder arbeitet die Künstlerin mit Seilen, Fäden, Schnüren, traditionellen Verbindungselementen. Damit zurrt sie die Spannung fest zwischen dem Wunsch zu bewahren und der Angst vor Verlust. Die Malerei beschwört die Vergangenheit, die Installation mit Readymades dockt an die Gegenwart an. In der Abstraktion eröffnen sich Schönheit und Schrecken des Transformationsprozesses. Im hinteren Raum der Galerie hängt das Aquarell von einem verdunkelten Himmel über der Tür wie ein düsterer Hausgeist. Kugeln aus Kuhdung zollen der Vielfalt Respekt, mit der die Fladen im täglichen Leben Verwendung finden, als Brennstoff und Dämmmaterial.

Die Arbeit der Hausfrau wird zum Ritual

Die repetitive Arbeit der Hausfrauen wird bei Sheela Gowda zum Ritual. Zu Hunderten hat sie in der daadgalerie hölzerne Glücksbringer aufgefädelt und als Perlenvorhang zwischen die beiden Räume gehängt. Die Handarbeit wirkt wie das Weben der Penelope. Indem die Finger an den gewohnten Bewegungen festhalten, stemmen sie sich gegen den Verlust des Vertrauten. Auch wenn das Haus Kopf steht.

Bis 23. August, daadgalerie, Zimmerstraße 90, Mitte, Mo–Sa 11–18 Uhr.

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