Kultur : Shermin und Sahin

Gute Nachrichten beginnen wie schlechte Nachrichten. Shermin Langhoff und Jens Hillje verlassen Berlin in Richtung Wien. Mit ihrer Produktion „Verrücktes Blut“ vom Ballhaus Naunynstraße sind sie jetzt beim Theatertreffen – und künftig sieht man sich dann bei (Ko-)produktionen der Wiener Festwochen wieder. Die Theaterwelt ist mittlerweile so vernetzt und durchkuratiert, dass es bald nicht mehr darauf ankommt, wer wo was zuerst herausbringt. Und was macht es einer Metropole wie Berlin schon aus, wenn der eine und die andere mal anderswo arbeiten – wir werben ja auch immerzu ab.

Aber das ist nur die Oberfläche. Innerhalb weniger Jahre hat Shermin Langhoff aus dem Ballhaus Naunynstraße einen viel beachteten Ort für junges, für neues Theater gemacht. Der Begriff „postmigrantisch“ bedeutet im Grunde nur: Hier ist die Wirklichkeit Kreuzbergs, Berlins, Deutschlands auf der Bühne angekommen. So etwas will man auch in Wien. Die Wiener Festwochen verhalten sich zum Ballhaus Naunynstraße und zum Hebbel am Ufer (HAU) wie Real Madrid zu Borussia Dortmund. Sie haben schlicht mehr Geld. Dem können auf Dauer weder Fußballprofis (wie Nuri Sahin) noch international ausgerichtete Theaterschaffende widerstehen.

Das ist die schlechte Nachricht für Berlin und seine Kulturpolitik. Nicht nur, dass für das Ballhaus Naunynstraße eine neue Leitung gefunden werden muss. Auch das HAU braucht bald einen Nachfolger für Matthias Lilienthal. Langhoff und Hillje (früher Schaubühne) werden es also nicht sein. Sie waren interessiert am HAU, aber die Produktionsmittel sind dort beschränkt, nicht mit dem reichen Wien zu vergleichen.

Man hat es immer gewusst, doch nun zeigt es sich in aller Deutlichkeit, was für ein begnadeter Organisator, Antreiber, Erfinder und Sponsorensammler Lilienthal ist. Dass sein Haus nach bald acht Jahren jetzt zum ersten Mal zum Theatertreffen eingeladen wurde (mit „Testament“ von She She Pop – siehe Text nebenan), ist auch bemerkenswert.

Vielleicht sind die Berliner Verhältnisse einfach so: Hier muss man sich mit Fantasie und Selbstausbeutung an die internationale Spitze hochwursteln, Lilienthals HAU gehört fraglos zu den ersten Adressen für zeitgenössisches Theater in Europa. Aber wie leicht bricht dieses improvisierte System ein. Ja, reden wir über Geld. Über mehr Geld für jene Berliner Häuser, wo das Theater das Leben trifft.

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