Kultur : Shoot films, not people

Sehnsucht nach Harmonie: Pressekonferenz zur Berlinale

Jan Schulz-Ojala

Wenn gestern etwas an den „24. Parteitag der KPdSU in Odessa“ erinnerte, den Dieter Kosslick als Vergleich zu früheren Berlinale-Pressekonferenzen bemühte, dann war es der Applaus. Nicht gerade rhythmisch und stehend von Seiten der überwiegend schwarz gekleideten Film-Journaille, dafür doppelt: der erste Applaus am Ende der Ausführungen des Vorsitzenden und seiner Programmschienenkulturschaffenden, der folgende dann nach der kurzen Fragephase. Und jetzt alle zusammen: Danke für die Mitteilungen, danke für euren guten Plan!

Im Ernst: Auch im zweiten Jahr ist dem immer noch recht neuen Berlinale-Chef sein Get–together-Warming-Up-Meet-the-Press vor Festivalstart eindeutig locker geraten. So locker gar, dass Christoph Terhechte, eher spät an diesem Vormittag in der Runde der zehn Podiumsversammelten zu Wort kommend, sich bemüßigt fühlte, an ein Wort des einstigen KPdSU-Generalsekretärs (Kinematographisches Podium der sturztrockenen Unterrichtungspolitik) Moritz de Hadeln zu erinnern: „Die Stars sind die Filme.“

Tatsächlich verwendete Kosslick die – elegant zu Sahne – geschlagene erste Viertelstunde seines Auftritts vor einer Zweihundertschaft internationaler Journalisten darauf, die drei Haupt-, drei Co- und 22 Drittsponsoren des Festivals ziemlich lückenlos aufzuzählen, womit er die gefühlte Sponsorenerwähnungszeit des Vorjahres um mindestens ein Drittel überzog. Aber vielleicht muss das so sein, in Sparzeiten – und aus dem Munde eines am Ende durch vielerlei privatwirtschaftlichen Zuspruch aus ärgsten Finanznöten geretteten Direktors.

Dennoch: Im Programmraster des Festivals – es liegt morgen zusammen mit dem redaktionellen Berlinale-Special im „Ticket“ dem Tagesspiegel bei – ist diesmal an den Rändern fühlbar Raum für Notizen. Denn das Festival fängt – am Donnerstag, 6. Februar – einen Tag später als gewöhnlich an und hört, zumindest als auf die Bärenverleihung zielendes Ereignis, einen Tag früher auf (der Sonntag, 16. Februar, ist für Wiederholungen gedacht). Eine Konzentration – Kosslick: „Andere nennen es Kürzung, alles eine Frage der Semantik“ –, die immerhin noch 300 Filme in allen Schienen bringt, von Wettbewerb über Forum, Panorama, Kinderfilmfest, Retrospektive, Perspektive Deutsches Kino bis zur Fachbesucher-Reihe „German Cinema“. Nicht zuletzt den letzten beiden Reihen ist es zu verdanken, dass Deutschland mit knapp 60 Filmen, einem Fünftel des Gesamtprogramms, unschlagbar vorn liegt in der Liste der 46 vertretenen Länder.

Durchaus unparteitags-like geriet auch die Präsentation der einzelnen Reihen – mit dem hübschen Gegeneffekt, dass man sich unter der launigen Kosslickschen Anmoderation nun mitunter freundlichst ins Wort fiel. So insgesamt kurzweilig geriet das Vorbeten der möglichen Programmhöhepunkte und sicheren Ehrungstermine, dass die beiden Frauen auf dem Podium – Beki Probst für den „European Film Market“ und Christine Dorn vom neuen „Talent Campus“, dem Extra-Festival für 500 junge Filmleute aus aller Welt – ihre Herabwürdigung zu Schlusslichtgestalten huld- bis humorvoll ignorierten. Schließlich soll es, wünscht sich nicht nur Kosslick, eine friedliche Berlinale werden, im welt- und filmweltpolitischen Sinne.

„Shoot films, not people“, zitierte Kosslick, eine applaustaugliche Summe ziehend, das Credo eines jungen Talent-Campus-Bewerbers. Da war man schon recht nah an „Make love, not war“. Und von Odessa, vom kommunistischen jedenfalls, bereits ziemlich weit entfernt.

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