Kultur : SHORT CUTS

Julian Hanich

PANORAMA

Am Pranger:

„Wal-Mart“ von Robert Greenwald

Obacht! Der streitbare Dokumentarregisseur Robert Greenwald zieht wieder aus, um einem seiner Gegner die Leviten zu lesen. Am Pranger steht: das größte Einzelhandelsunternehmen der Welt, der größte private Arbeitgeber der USA, das größte Wutobjekt linker Kapitalismuskritiker: Wal-Mart. Wie aus seinem letzten Film „Uncovered: The War on Iraq“ bekannt, bietet Greenwald auch in „Wal- Mart: The High Cost of Low Price“ eine Schar von Anklägern auf. Dabei lässt er nicht nur Wal-Mart-Opfer und Linke, sondern auch ehemalige Manager und aufrichtige Republikaner zu Wort kommen. Das erhöht die Glaubwürdigkeit seiner Argumente gegen Wal-Marts Ausbeutung der Angestellten, der Dritte-Welt-Länder, der Natur. Das Problem: Greenwald zieht bisweilen haarsträubende Vergleiche und nimmt populistisch die KleineLeute-Perspektive ein. Trotzdem könnte man seinen Film als gut gemeintes Pamphlet sehen, wäre da nicht: die Langeweile, die sich sehr früh breit macht. Wer aufklären will, muss aufrütteln. Vermisst wird daher: der wütende Witz von Michael Moore.

Heute 12 Uhr (Cinestar 7), 12. 2., 15.30 Uhr (Colosseum), 14. 2., 14.30 Uhr (Cinestar 7), 19. 2., 20 Uhr (Cinestar 7)

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FORUM

Tiger gibt es nur als Tapete:

„Babooska“ von Tizza Covi

Erinnern Sie sich noch an die Setzkästen der siebziger Jahre? Sie sind so gut wie ausgestorben. Doch die 20-jährige Babooska und ihre Mutter pflegen immer noch eine Leidenschaft für die Staubfänger, die nach jedem Ortswechsel umständlich aus den Schachteln geholt und aufgestellt werden. Dafür fällt dann das Staubwedeln fort. Denn die Familie Gerardi zieht mit ihren Wohnwagen in Italien umher. Gemeinsam betreiben Eltern und die beiden daheim gebliebenen Töchter den Wanderzirkus „Floricicchio“. Es ist ein ärmlicher Zirkus, Tiger und Leoparden gibt es hier nur im Dekor von Kleidung und Wohnwagen. Ein paar Zauber- und Artistiknummern stehen auf dem Programm, sind im Film aber kaum zu sehen. Stattdessen bestimmen Streit um Standplätze, Plakatgenehmigungen und schwindende Publikumszahlen den Alltag.

Romantisch ist das nicht. Und auch Italien hüllt sich in provinzielle Trübnis. Über ein Jahr lang begleiteten die Filmemacher Tizza Covi und Rainer Frimmel die Familie von Babooska. Sie lebten bei den Artisten im Wagen und wurden langsam zu Vertrauten. Gedreht haben sie auf 16 Millimeter in langen Einstellungen. Eine altmodisch beobachtende Dokumentation über eine Lebensart, die langsam ausstirbt. Silvia Hallensleben

Heute 15.30 Uhr (Cinemaxx 3), 12. 2., 16.30 Uhr (Cinestar 8), 13. 2., 20 Uhr (Arsenal), 15. 2. , 18.15 Uhr (Cinemaxx 3)

FORUM

Rückkehr nach Golzow:

„Und wenn sie nicht gestorben sind“ Eigentlich sollte es der letzte Golzow-Film werden. Doch wieder einmal wucherte das Material. Und dann konnten von den zehn vorgesehenen Lebensläufen nur noch fünf in den vier Filmstunden Platz finden. Eine weitere Folge ist also zumindest aus Gerechtigkeitsgründen zu erwarten. So lautet die offizielle Version. Aber vielleicht können sich Winfried und Barbara Junge auch einfach nicht trennen von dem Projekt, das fast ihr gesamtes berufliches Leben prägt. 1961 begannen sie, die Kinder einer Grundschule im Oderbruch mit der Kamera zu begleiten. 18 Filme sind bisher daraus entstanden. Diesmal werden neben drei kürzeren Porträts die Lebenswege von Winfried und Ilona aktualisiert. Dabei gibt ein Parteistrafverfahren, dem sich der Ingenieur und Kampfgruppenkommandeur stellen musste, raren Einblick ins Innenleben der Provinz-SED. Winfried Junges pädagogisierende Kommentare sind berüchtigt. Im Porträt der zeitweiligen FDJ-Leiterin Ilona Müller erreicht er allerdings neue Gipfel der Selbstgefälligkeit. Nicht nur, dass Ilona ihren Wunsch, aus dem Filmprojekt auszusteigen, wiederholt rechtfertigen muss, Junge unterstellt ihr auch „Komplexe“ und niedere Beweggründe. Silvia Hallensleben

Heute, 13.15 Uhr, 12. 2., 12.15 Uhr

(Cinemaxx 2)

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PANORAMA

Letzter Tango in Toronto:

„Lie With Me“ von Clément Virgo

Ins Programm eines ordentlichen Filmfestes gehört immer auch ein Film mit viel Sex. Der kommt dieses Jahr aus Kanada und beginnt so: eine Techno-Party, zwei Blicke begegnen sich, und ab gehts in den Park. Dort Sex, nicht miteinander, sondern mit einem jeweils anderen, sich gegenseitig aus der Ferne tief in die Augen schauend. „Wie hat man Sex mit jemandem, den man liebt?“ fragt sich die entfesselt promiske Leila (Lauren Lee Smith) zu Recht, als sie für David (Eric Balfour) Gefühle entwickelt. So ein Pech, wo man doch nur ficken will. Last Tango in Toronto also, aus Sicht einer Frau. Clément Virgo hat den Roman seiner Gattin Tamara Faith Berger adaptiert. Sein Film verbindet Arthouse-Porno-Prätention mit der Dringlichkeit niederer Frauenliteratur. Doch mit überraschend gefassten jungen Darstellern gelingt ihm dennoch ein driftendes Frauen- und Stadtporträt im diesigen Nachmittagslicht eines schwülen Großstadtsommers. Das beharrliche Kopulieren ist manchmal sogar hübsch anzusehen, in einem sehr leisen Sexfilm übrigens, dessen Soundtrack aus Seufzern, Leilas Off-Kommentar und Byron Wongs Elektro-Musik viel zu seiner traumartigen Atmosphäre beiträgt. Sebastian Handke

Heute, 22.30 Uhr (Cinemaxx 7), 12. 2., 15.30 Uhr (Cinestar 3), 13.2., 20.30 Uhr (CineStar 3), 18.2., 22.30 Uhr (Colosseum)

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