Kultur : SHORT CUTS

Sebastian Handke

FORUM

Die Freizeitdiebe:

„De Particulier à Particulier“

Als Marion (Hélène Fillières) und Phillipe (Laurent Lucas) ihre Flitterwochen nachholen wollen, finden sie am Bahnhof eine Tasche mit Geld. Die, so viel wissen sie, gehört einem Araber. Sie nehmen sie an sich und fahren nicht wie geplant nach Venedig. Erst allmählich kommt ihnen in den Sinn, dass es Terroristen-Geld sein könnte. Rätselhafte Ereignisse erschüttern das Familienglück: Als Marion Fotos vom Entwickeln abholt, stellt sie entsetzt fest, dass sich unter den Kinderbildern auch Aufnahmen von Venedig befinden. Angestachelt von Terrornachrichten im Fernsehen greifen Verunsicherung, Misstrauens und Angst um sich. Sie werden die bürgerliche Existenz des Paars vollkommen auflösen.

„De Particulier à Particulier“ ist das Spielfilmdebüt des Drehbuchautors Brice Cauvin. Der studierte Linguist lässt seine Hauptfiguren mit Präzision und Konsequenz ihre Wahnvorstellungen aufbauen. Es gibt kaum einen greifbaren Anlass für ihren Rückzug, der bei Marion in Verwahrlosung endet und bei Phillipe in Regression – ein Sinnbild für die Paranoia westlicher Gesellschaften nach 9/11. Im letzten Drittel, wenn sich die versprengte Familie in Syrien wieder findet, wird der Film selbst zum Rätsel. Nur für Freunde des offenen Endes.

Heute 21 Uhr (Cinestar 8), 13.2., 20 Uhr (Colosseum), 14.2., 22 Uhr (Arsenal 1) und 15.2., 14 Uhr (Cinestar 8)

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PANORAMA

Protokoll einer Hinrichtung:

„Der Kick“ von Andres Veiel

Nein, er habe nichts gegen den Marinus gehabt, gibt der 17-Jährige Marcel zu Protokoll. „Is eben aus der Situation heraus entstanden und denn macht man det eben so, weil’s Spaß macht und weil’s nichts anderes gibt, was man machen kann“, kommentiert sein sechs Jahre älterer Bruder Marco, was sich in der Nacht zum 13. Juli 2002 im brandenburgischen Potzlow ereignete: Stundenlang misshandelten und demütigten sie mit ihrem Kompagnon Sebastian den 16-jährigen Marinus. Schließlich exekutierten sie ihn nach dem Vorbild des „Bordsteinkicks“ aus dem Film „American History X“: Marcel sprang auf den Hinterkopf seines Opfers. Als die Leiche vier Monate später in einer Jauchegrube gefunden wurde, ging der Fall durch die Medienmaschinerie.

Zwei Jahre später ist der Dokumentarfilmer Andres Veiel mit der Theaterdramaturgin Gesine Schmidt nach Potzlow gefahren, um gegen die Klischees anzurecherchieren. Sechs Monate lang sprachen sie mit den Tätern und deren Eltern, mit der Mutter des Opfers, Freunden und Nachbarn, lasen Prozessakten und Verhörprotokolle und montierten ein 90-minütiges Theaterstück. Für diese Form hatte sich Veiel bewusst entschieden, weil er es für interessanter hielt, „die Bilder tatsächlich im Kopf entstehen zu lassen“. Der Film dokumentiert die Inszenierung am Berliner Gorki-Theater.

Wie in seiner RAF-Reflexion „Black Box BRD“ schneidet Veiel Täter- und Opferperspektive erhellend gegeneinander und fördert irritierende Sätze zu Tage. Er will Strukturen offen legen, Etikettierungen aushebeln und Sprachoberflächen so gegeneinander halten, dass sie in eine über den Fall hinaus weisende Tiefe blicken lassen. In der lediglich mit einem Blechcontainer ausgestatteten Halle in Prenzlauer Berg spielen Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch sämtliche Personen. Aber schon die minimalen Restanklänge an Authentizität und Sozialrealismus machten die Aufführung zum absturzgefährdeten Balanceakt. Wenn dann noch die Statik einer Theaterbühne der Dynamik einer wie sensibel auch immer geführten Kamera weicht, wenn sich die distanzierte Geste in einer Nahaufnahme auflöst, ist im Fim – anders als auf der Bühne – leider auch Veiels Idee von den Bildern im Kopf ausgehebelt. Christine Wahl

Heute 17 Uhr, (International), 13.2., 18 Uhr (Cinestar 3), 16.2., 13 Uhr (Cinestar 3), 19.2., 15.30 Uhr (Colosseum 1)

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FORUM

Donnergrollen am Glockner:

„Lenz“ von Thomas Imbach

Ein Mann irrt durchs verschneite Gebirge. Unheimliche Stimme folgen ihm durch die Felsen, die eigenen Schritte dröhnen „wie Donnergrollen“. So geschehen in „Lenz“, der Erzählung von Büchner (1839) – und ebenso beginnt „Lenz“, der Film des Zürcher Regisseurs Thomas Imbach. Wie sein literarisches Vorbild ist der junge Lenz (Milan Peschel) Autor, allerdings nicht mit der Feder, sondern mit der Kamera. Der Filmemacher aus Berlin ist aufgebrochen zu Frau und Kind, die in der Ski-Hütte eines einsamen Schweizer Bergdorfs Urlaub machen.

Doch statt der Familienzusammenführung droht Unheil vom düster verhangenen Matterhorn. Der Geist des Künstlers verwirrt sich. Nachts baut er schweißüberströmt an einem Iglu, tags plagt ihn Fieber. Ebenso wie sein literarisches Vorbild bleibt der Film Fragment. Mit der Videokamera improvisiert Thomas Imbach („Happiness Is A Warm Gun“) das Psychogramm eines an sich selbst leidenden Künstlers. Motive bleiben dabei nebulös, Improvisation ist dieser flüchtigen, aber eindringlichen Beziehungsskizze wichtiger als das Drehbuch. Wie zufällig werden Passanten in den Film einbezogen, ein paar oberflächliche Film-InsiderWitze (Dogma!) dürfen nicht fehlen. Der Lenz von heute nervt als Egomane, der sich vor Verantwortung drückt. Und so lebt er fort. Bodo Mrozek

Heute 21.30 Uhr (Delphi), 13.2., 22.30 Uhr (Arsenal), 14.2., 16.15 Uhr und 19.2., 21.20 (Cinestar 8)

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